Das Thema Aufsatz schreiben ist für viele Kinder mit einer Legasthenie ein rotes Tuch. Einfach weil die meisten LRS Kinder nicht gerne schreiben. Für mich ist das absolut nachvollziehbar.

Ein Aufsatz besteht aus zwei Teilen, zum einen dem Inhalt und zum anderen die Rechtschreibung und häufig auch noch die Schrift. Schreiben können Kinder mit Legasthenie nicht besonders gut. Inhalte verfassen schon. Leider wird ihnen das durch die Rechtschreibung oft sehr schwer gemacht. Hier sollte der Nachteilsausgleich greifen.

Das formulieren eigener Gedanken ist jedoch wichtig für den Lernprozess, nicht nur in Deutsch sondern in allen anderen Fächern. Man muss Inhalte zusammenfassen können und auch dem Verständnis von Sachverhalten tut es gut, etwas in eigenen Worten auszudrücken.

 

Schreibcoaching zum Aufsatz schreiben und für andere Textformen

Bringen wir unsere Kinder also zum Schreiben. Ich möchte Ihnen dazu die Methode des Schreibcoachings näher bringen. Das ist nicht gefährlich und auch nicht psychologisch angehaucht. Ich mache dabei lediglich Anleihen beim Sport. Daher sollen Sie hier als Trainer agieren. Am Ende des Artikels können Sie sich eine Checkliste herunterladen, damit Sie das Gelesene auch in die Tat umsetzen können.

Ich möchte Kindern mit dieser Methode helfen, die Blockaden beim Schreiben loszulassen. Das ist wichtig, damit sie lernen, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Für dieses Ziel ist die Rechtschreibung allerdings unerheblich. Also stellen wir die für den Aufsatz mal etwas zurück. Die Arbeit gliedert sich in vier Teilprozesse, die jeweils mit einer Feedbackrunde enden.

 

Aufwärmen

  • Hier werden je nach Arbeitsauftrag (Geschichte, Bericht, Rezept etc.) Themen und Ideen gesammelt. Geht es um ein vorgegebenes Thema, fällt dieser Schritt relativ kurz aus.
  • Als nächstes muss ich mir klar werden, worüber ich schreiben will (je weiter das Thema gefasst ist, umso größer die Möglichkeiten der eigenen Kreativität). Allerdings haben viele Kinder es auch verlernt kreativ zu sein. Ihnen fällt zunächst nichts ein. Dann ist es Ihr Job als Coach, die Blockade ein wenig zu lockern. Brainstormen Sie gemeinsam. Sammeln Sie mit Ihrem Kind Wörter und Begriffe. Alles ist erlaubt, nichts wird kritisiert oder abgetan.
  • Die Stichpunktsammlung ist fast allen Kindern ein Graus, egal ob Legasthenie oder nicht. Kinder empfinden es in der Regel als zusätzliche Arbeit. Ich habe schon Kinder erlebt, die erst ihren Aufsatz geschrieben haben und aus diesem dann Stichwörter abgeschrieben haben. Also versuchen Sie mal etwas anderes. Die Stichwörter können ja vielleicht mit der Diktierfunktion aufs Handy gesprochen werden. Es gibt ja auch Diktier-Apps, die das dann in Text umwandeln.
  • Oder eine Mind Map aus den Stichwörtern erstellen. Auch Mind Maps sind am Anfang nicht sonderlich beliebt, da wieder Mehrarbeit.
  • Natürlich eignen sich auch Post-it’s: Auf jedes Post-it kommt eine Idee. Die kann man dann auch in Form eines Mind Maps auf ein Blatt kleben.

 

Feedbackrunde eins

Lassen Sie sich von Ihrem Trainee die Materialsammlung erklären. Was geht dabei in seinem Kopf vor? Welche Ideen verfolgt er? Können Sie die Handlung nachvollziehen? Kinder neigen zu Beginn dazu, die Erzählung schön kurz zu halten (ist weniger zu schreiben). Leider geht das oft auf Kosten der Genauigkeit. Entsteht bei Ihnen eine Geschichte im Kopf, wenn das Kind erzählt? Wenn ja – wunderbar! Wenn nicht, fragen Sie nach.

 

Vorrunde

  • Ihr Schützling sucht sich einen ruhigen Arbeitsplatz, an dem er sich wohlfühlt und ungestört ist.
  • Er schreibt seine Ideen zügig runter ohne an die Rechtschreibung zu denken (das hemmt im Moment nur Ausdruck und Kreativität).
  • Die Vorrunde ist beendet, wenn der erste Entwurf fertig ist.

 

Feedbackrunde zwei

Sie lesen den Text. Zu Beginn kann es auch hilfreich sein, dass Sie diesen ersten Entwurf abtippen und ausdrucken. Dann markieren Sie die Stellen, die Sie nicht verstehen (ich meine keine Rechtschreibfehler). Geben Sie den Text in Ihren Worten wieder und fragen Sie Ihr Kind, ob es so gemeint war.

 

Halbfinale

  • Alle markierten Stellen werden überarbeitetet. Das ist am PC nicht so schlimm und nimmt der Überarbeitung den Schrecken. Außerdem entspricht es der Realität. Welcher Autor schreibt denn noch seine Entwürfe per Hand?
  • Noch mal gut nachdenken: Entspricht mein Text der Aufgabenstellung? Ist er sachlich, informativ oder spannend?

 

Feedbackrunde drei

Macht Ihnen das Lesen der Geschichte Spaß? Verstehen Sie alles? Schauen Sie einmal aus Sicht eines fremden Lesers (bitte wieder nur auf den Inhalt)!

 

Finale

  • Erstellen der endgültigen Fassung.
  • Eventuell Handlungsschritte ergänzen.
  • Rechtschreibung  mit der Textkorrektur berichtigen.
  • Wenn es Spaß macht den Text am PC gestalten oder den Ausdruck verzieren.
  • Ausdrucken und fertig.

 

Feedbackregeln

Jetzt müssen wir noch über die Feedbackregeln sprechen. Feedback heißt hier nicht kritisieren oder korrigieren, sondern konstruktive Anregungen geben. Also hier ist zunächst gemeint, dem Autor Rückmeldung geben, was beim Leser ankommt und keine Bewertung des Geschriebenen!

Beispiele für Bewerten:  Das ist unklar! Das verstehe ich nicht !

Beispiel für Feedback: Wolltest du damit sagen..?  Ich habe verstanden, dass… Wenn ich einen  Bericht lese, wünsche ich mir…  Niemals versuchen, den Text zu verändern. Er ist das Werk unseres Autors. Herausstellen was Ihnen gefallen hat.

Also keine Anweisungen geben. Es ist wie gute Kommunikation. Nachfragen statt auf Fehler hinzuweisen. Bei Unklarheiten Ihr Verständnis wiedergeben und keine eigenen Textvorschläge einbringen.

 

Ein paar Bemerkungen zum Schluss

Ich sehe Sie jetzt gerade ein wenig Zusammenzucken und an den Aufwand denken. Aber steht hier irgendwo das es einfach ist?

Na also! Einem Kind mit Legasthenie fällt das Aufsatz schreiben ja auch nicht leicht. Aber so hat es eine echte Chance, sich dem Thema Text zu widmen. Wir trennen Schreiben und Textproduktion hier und das aus gutem Grund.

Ja, aber die Rechtschreibung! Die sollte in anderem Zusammenhang geübt werden. Genau dafür gibt es ja den Notenschutz. Und ganz ehrlich – Gedanken klar und präzise zu formulieren ist eine Fähigkeit, die Ihr Kind sein Leben lang brauchen wird. Rechtschreibung ist eine Form von Regelwissen, die es überall nachschlagen kann. Vor zehn Jahren hätte noch niemand gedacht wie YouTube und Podcasts die Präsentation von Wissen verändern würden. Aber in der Welt von morgen wird eine gute Ausdrucksfähigkeit deutlich mehr zählen als Rechtschreibkenntnisse.

 

Sie haben Fragen dazu? Dann immer her damit. Schreiben Sie sie unten in die Kommentare. Sie sind anderer Meinung? Das interessiert mich. Auch darauf antworte ich gerne in den Kommentaren.

Sie können sich hier die Checkliste herunter laden.

 

Wenn Sie mehr Infos haben wollen rund um die Themen Lernen, Lernfreude und Lernmotivation, schreiben Sie sich im Elterncampus ein. Dort gibt es jeden Donnerstag ein kostenfreies Online Seminar. Ich freue mich, wenn Sie dabei sind.

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