Seit fast 20 Jahren begleite ich  Kinder, die Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben lernen haben. Zuerst als Mutter, dann in einer Auslandsschule und seit nunmehr 8 Jahren in meiner eigenen Praxis. In dieser Zeit habe ich mehr als 300 Kinder mit den unterschiedlichsten Problemen beim Lesen und Schreiben begleitet. Wichtig ist dabei, die individuellen Schwierigkeiten der Kinder zu erfassen. Nur so können wir betroffenen Kindern gezielt helfen.

 

Schwierigkeiten beim Lesen lernen beeinflussen die Schullaufbahn

Trotzdem gelingt uns das in vielen Fällen nicht. In Deutschland leben 7,5 Millionen funktionelle Analphabeten (das sind Menschen, die zwar die Buchstaben kennen, aber nicht einmal einfache Texte verstehen oder schreiben können) und 2 Millionen kompletter Analphabeten, obwohl wir eine Schulpflicht von mindestens neun Jahren für jedes Kind haben. Da scheint die Frage, was hier schiefläuft durchaus berechtigt.

 

Schwierigkeiten beim Lesen Lernen können die Lernmotivation deutlich beeinflussen.

Haben diese Kinder Spaß in der Schule?

In seinem Buch Schülerjahre beschäftigt sich der Schweizer Kinderarzt Remo Largo mit diesem Phänomen. Seine Aussagen stimmen mit meinen Erfahrungen überein. Daher möchte ich heute die Schwierigkeiten beim Lesen lernen unter einem Aspekt beleuchten, der sich in unseren standardisierten Testungen nicht wiederfindet. Unser Augenmerk richtet sich immer auf das, was in unseren Augen am Kind defizitär ist. Das versuchen wir dann zu reparieren. Lesen ist in unserer Gesellschaft eine Schlüsselkompetenz.

 

 

Diese Schlüsselkompetenz ist unter anderem so präsent, weil unser institutionalisiertes Schulsystem mehr als 80% seiner Bewertungen an dieser Kompetenz festmacht. Schüler, die Schwierigkeiten beim Lesen lernen haben, bleiben in allen Fächern hinter ihren möglichen Leistungen zurück. Sogar im Sportunterricht gibt es schriftliche Aufgaben.

 

Warum Unterschiede in der Lesekompetenz normal sind

Schauen wir uns die Schlüsselkompetenz Lesen aus historischer Perspektive an.  Bereits im Studium habe ich gelernt, dass Lesen eine Kulturtechnik ist. Das heißt Lesen ist keine genetische, durch die Evolution verfeinerte Anlage. Erst seit ca. 3000 Jahren verfügen wir Menschen über eine wirkliche Schriftsprache und bis zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht vor ca. 150 Jahren war Lesen ein Privileg, das wenigen Menschen vorbehalten war.

 

Übrigens zählt auch die Musik zu den Kulturtechniken. Ich bin froh, dass wir dieser nicht einen so hohen Stellenwert einräumen, sonst hätte ich eine ausgeprägte Teilleistungsstörung.

 

Spaß beiseite. Das zeigt aber, dass es völlig normal ist, wenn die Voraussetzungen ein guter Leser zu werden, unterschiedlich verteilt sind. Natürlich hängt die Entwicklung der Lesekompetenz von vielen Faktoren ab. Daher könnten viele Kinder, die ein ungenügendes Leseverständnis entwickeln, weiter kommen als es ihnen in der Regelschule mit den derzeitigen Bedingungen möglich ist. Was können wir ändern?

 

Veränderungen, die helfen würden

  • Zum einen sollten wir auf  jede Form der Bewertung verzichten. Bewertung löst Scham aus und Scham führt dazu, dass die meisten von uns sich schlecht fühlen, zurückziehen und versuchen die Auslöser zu meiden. Solltest Du nicht gerne reden und vor einer größeren Gruppe mal ins Stottern gekommen sein, dann weißt Du wie das ist. Nur dass Du wahrscheinlich in der komfortablen Lage bist, die Situation, die Dich stresst zu vermeiden.

 

  • In der Schule muss eine viel größere Differenzierung stattfinden. Wir finden häufig in einer Klasse Leistungsniveaus, die um zwei Jahre differieren. Z.B. haben wir in einer 2. Klasse eine Streuung von Klasse 1 bis Klasse 3. Dann sollten die Kinder, die auf dem Niveau der Klasse 1 sind, auch auf diesem Niveau unterrichtet werden. Kinder auf dem Niveau der Klasse 3 sollten wir auch auf dem Niveau der Klasse 3 unterrichten.

 

  • Und wenn wir tatsächlich einen Leistungsnachweis brauchen, muss er so gestellt werden, dass jedes Kind die Möglichkeit hat, auf seinem Niveau getestet zu werden. Wir vergleichen ja einen Nationalelfspieler auch nicht mit einem Spieler aus der Kreisliga und bescheinigen diesem danach, dass er kein Fußball spielen kann.

 

Bedeutung für die Förderung

Viele Eltern, die mit ihren Kindern zu mir kommen, berichten mir das Folgende. “Jeden Tag üben wir 20 Minuten lesen und es ändert sich nichts. Mein Kind will schon gar nicht mehr üben. Wir wissen einfach nicht weiter.” Das ist  ein klassischer Fall davon, dass der Trainingsstoff des Kindes nicht mit seinem momentanen Leistungsstand übereinstimmt.

Schwierigkeiten beim Lesen lernen können auch an mangelnden Abc Kenntnissen liegen.

Das ABC ist die Grundlage des Lesens.

Wenn Du eine Fremdsprache seit einem Jahr lernst und dann einen Klassiker von 1000 Seiten lesen sollst, klappt das auch nicht. Da ist es auch völlig sinnlos zu argumentieren, in der 3. Klasse muss er/sie das lesen können. Das hilft weder Kind noch Eltern.

Um dem Kind wirklich zu helfen, müssen wir herausfinden, wo sein aktuelles Leistungsniveau ist. Wir sollten es weder über- noch unterfordern. Dazu braucht es Erfahrung und evtl. einen Test vom Fachmann. Zusätzlich viel Geduld und ein wenig Gelassenheit beim Ausprobieren neuer Dinge.

 

Verschiedene Förderansätze

Viele Kinder kommen mit der Silbenmethode gut zurecht. Andere Kinder brauchen Hilfe bei bestimmten Lautfolgen oder haben noch Probleme in der Lauterkennung. Wir müssen herausfinden an welchem Punkt ein betroffenes Kind steht. Dann können wir es dort abholen. Nur so bekommt das  Kind die Chance, seinen Fähigkeiten entsprechend Lesen zu lernen. Und wenn wir es gut machen, wird es auch noch freiwillig und aus Neugierde lesen.

Ohne Spaß noch größere Schwierigkeiten beim Lesen lernen

Wenn Freude und Neugierde hinzukommen, gelingt das Lesen besser.

Ich weiß, dass diese Aufgabe kein Grundschullehrer und keine Grundschullehrerin mit einer leistungsgemischten Klasse alleine leisten kann. Aber ich wünsche mir von unseren Bildungspolitikern, dass sie Schule so gestalten, dass alle gemäß ihren Fähigkeiten mitgenommen werden. Und nicht nur die Kinder, die einem Lehrplan folgen können, der an einem Schreibtisch eines Ministeriums entwickelt wurde. Viele berühmte Forscher waren Legastheniker und hatten in der Schule große Schwierigkeiten beim Lesen lernen. Sie  haben sich durchgekämpft. Viele haben schlechte Erinnerungen an ihre Schulzeit. Das muss nicht sein.

 

Alternativen zum Lesen

Ich spüre förmlich wie einige Kollegen, Lehrer und Eltern bei diesem Satz zusammenzucken. Aber wir leben nun einmal in einem Zeitalter, in dem Informationen nicht nur schriftlich weitergegeben werden. Selbst beim Messenger Dienst Whats App greifen viele, mich eingeschlossen, gerne auf die Möglichkeit zurück ein Sprachmemo zu versenden. Nur weil einige Generationen damit aufgewachsen sind, dass Wissen zu mehr als 90% schriftlich weitergegeben wird, entspricht dies heute nicht mehr der Realität.

 

Vorlesungen werden gestreamt oder aufgezeichnet. Sogar wissenschaftliche Bücher liegen als Hörbuch vor oder können von einem Programm vorgelesen werden. Die meisten Jugendlichen, egal ob sie gut lesen oder nicht, suchen sich eher ein Tutorial bei YouTube, als dass sie eine schriftliche Erläuterung lesen. Wir werden diese Entwicklung nicht aufhalten. Aber wir können sie heute schon Kindern, die beim Lesen lernen Schwierigkeiten haben zugänglich machen, um ihnen das Leben zu erleichtern. Der Wert einer Information verändert sich nicht durch die Form ihrer Weitergabe.

 

Hörbuch und Co.

Verstehe mich nicht falsch, ich selber lese gerne und Lesen ist nach wie vor ein Mittel der Informationsweitergabe. Das wird es auch bleiben. Aber im Zeitalter von I-Pad, E-book Reader, Hörbüchern und Korrekturprogrammen gibt es keinen Grund, Kindern, die aufgrund einer Legasthenie Schwierigkeiten haben, das Leben noch schwerer zu machen.

 

Vielmehr sollte es unser Ziel sein, allen Kindern im Rahmen ihrer Fähigkeiten das Lesen und Schreiben beizubringen und sie nicht durch negative Bewertungen und frustrierendes Üben vorzeitig in die Resignation zu treiben, so dass sie die Schule im schlimmsten Fall als funktionale Analphabeten verlassen.

 

 

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