Das Thema Aufsatz schreiben ist für Kinder mit Legasthenie oft ein rotes Tuch. Aufgrund vieler Misserfolgserfahrungen schreiben sie nicht gerne. Die Kinder erleben häufig, dass immer nur auf die Defizite in der Rechtschreibung und der äußeren Form geschaut wird und ihre Inhalte wenig Beachtung finden.

Warum ist es den bloß so schwer, die Rechtschreibregeln zu beachten? Du musst Dir immer klar machen, dass ein Aufsatz  aus zwei Teilen besteht:

  1. Dem Inhalt und
  2. der Rechtschreibung.

Richtig schreiben können Kinder mit Legasthenie nicht besonders gut. Aber Inhalte verfassen schon. Leider wird ihnen das durch die Art der Bewertung sehr schwer gemacht. Hier sollte der Nachteilsausgleich greifen.

Das Formulieren eigener Gedanken ist ein wichtiger Lernprozess, nicht nur im Fach Deutsch, sondern auch in allen anderen Fächern. Man muss Inhalte zusammenfassen können und auch dem Verständnis von Sachverhalten tut es gut, etwas in eigenen Worten auszudrücken.

 

Schreibcoaching zum Aufsatz schreiben und für andere Textformen

Bringe Dein Kind zum Schreiben. Ich möchte Dir dazu die Methode des Schreibcoachings näher bringen. Das ist nicht gefährlich! Ehrlich!

Wir machen ein paar Anleihen beim Sport. Du bist der Trainer. Am Ende des Artikels findest Du eine Checkliste fürs Üben von Aufsatz schreiben zu Hause.

Du hilfst Deinem Kind mit dieser Methode, die Blockaden beim Schreiben zu lösen. Es lernt sich gut auszudrücken. Dafür ist die Rechtschreibung zunächst unerheblich. Die stellen wir jetzt mal zurück.

 

Aufwärmen

  • Je nach Arbeitsauftrag (Geschichte, Bericht, Rezept, etc.) werden Ideen gesammelt.
  • Worüber will ich schreiben (je weiter das Thema gefasst ist, umso größer die Möglichkeiten der eigenen Kreativität)? Häufig haben Kinder es verlernt, kreativ zu sein. Ihnen fällt nichts ein. Dann ist es Dein Job als Coach, diese Blockade ein wenig zu lockern. “Brainstormt” gemeinsam! Sammelt Wörter und Begriffe. Alles ist erlaubt, egal wie verrückt! Nichts wird kritisiert.
  • Die Stichpunktsammlung ist fast allen Kindern ein Graus, egal ob Legasthenie oder nicht. Kinder empfinden es als zusätzliche Arbeit. Ich habe schon Kinder erlebt, die erst ihren Aufsatz geschrieben haben und aus diesem dann Stichwörter abgeschrieben haben. Also versucht mal etwas anderes. Die Stichwörter könnt Ihr z.B. mit der Diktierfunktion aufs Handy sprechen. Es gibt ja auch Diktier-Apps.
  • Oder erstellt eine Mind Map aus den Stichwörtern. Auch Mind Maps sind nicht sonderlich beliebt, da sie aus Sicht Deines kleinen “Sportlers” wieder Mehrarbeit bedeuten.
  • Natürlich eignen sich auch Post-it’s: Auf jedes Post-it kommt eine Idee. Die kann man dann auch in Form einer Mind Map auf ein Blatt kleben. Macht echt Spaß.

 

Feedbackrunde eins

Lass Dir von Deinem “Sportler” die Materialsammlung erklären. Was geht dabei in seinem Kopf vor? Welche Ideen verfolgt er? Verstehst Du seine Ideen? Kinder neigen zu Beginn dazu, die Erzählung schön kurz zu halten (ist weniger zu schreiben). Leider geht das oft auf Kosten der Genauigkeit. Entsteht bei Dir eine Geschichte im Kopf, wenn das Kind erzählt? Wenn ja – wunderbar! Wenn nicht, frag nach!

 

Vorrunde

  • Dein Schützling sucht sich einen ruhigen Arbeitsplatz, an dem er sich wohlfühlt und ungestört ist.
  • Er schreibt seine Ideen zügig runter, ohne an die Rechtschreibung zu denken (das hemmt im Moment nur Ausdruck und Kreativität).
  • Die Vorrunde ist beendet, wenn der erste Entwurf fertig ist.

 

Feedbackrunde zwei

Lies den Text. Markier Dir die Stellen, die Du nicht verstehst (ich meine keine Rechtschreibfehler). Gib den Text in Deinen Worten wieder und frag Dein Kind, ob es so gemeint war. Du könntest den Text auch abtippen, dann gehen die Verbesserungen schneller.

 

Halbfinale

  • Alle markierten Stellen werden überarbeitetet. Das ist am PC schnell erledigt. Außerdem entspricht es der Realität: Welcher Autor schreibt denn noch seine Entwürfe per Hand?
  • Noch mal gut nachdenken: Entspricht der Text der Aufgabenstellung? Ist er sachlich, informativ oder spannend?

 

Feedbackrunde drei

Macht das Lesen der Geschichte Spaß? Verstehst Du alles? Bitte wieder nur auf den Inhalt beziehen!

Soundcheck! Lies den Text laut vor. Frag Dein Kind, ob es sich seine Geschichte so vorgestellt hat.

 

Finale

  • Erstellen der endgültigen Fassung.
  • Eventuell Handlungsschritte ergänzen.
  • Rechtschreibung  mit der Textkorrektur berichtigen.
  • Wenn es Spaß macht, den Text am PC gestalten oder den Ausdruck verzieren.
  • Ausdrucken und fertig.

 

Man kann somit auch z.B. ein gemeinsames Erlebnis oder einen Urlaub beschreiben. Dann wird die Überarbeitung zur Redaktionssitzung und mehrere Autoren bringen Artikel mit. Am Ende habt Ihr eine Familienzeitung. Ist ein tolles Weihnachtsgeschenk für Großeltern & Co. Du siehst, Aufsatz schreiben üben kann kreativ sein.

 

Feedbackregeln

Sprechen wir noch über die Feedbackregeln. Feedback heißt, niemals kritisieren oder korrigieren. Du gibst konstruktive Anregungen. Gib dem Autor Rückmeldung, was bei Dir ankommt und keine Bewertung des Geschriebenen!

Beispiele für Bewerten: Das ist unklar! Das verstehe ich nicht!

Beispiel für Feedback: Wolltest Du damit sagen..?  Ich habe verstanden, dass… Wenn ich einen Bericht lese, wünsche ich mir…  Niemals versuchen, den Text zu verändern. Er ist das Werk unseres Autors. Und ganz wichtig: Herausstellen was Dir gefällt.

Also keine Anweisungen geben. Es ist wie gute Kommunikation. Nachfragen statt auf Fehler hinzuweisen. Bei Unklarheiten Dein Verständnis wiedergeben und keine eigenen Textvorschläge einbringen.

 

Ein paar Bemerkungen zum Schluss

Ich sehe Dich gerade ein wenig zusammenzucken und an den Aufwand denken. Aber steht hier irgendwo, dass es einfach ist?

Na also! Einem Kind mit Legasthenie fällt das Aufsatz schreiben üben ja auch nicht leicht. Aber so hat es eine echte Chance, sich dem Thema Text zu widmen. Wir trennen Inhalt und Aufsatz schreiben bzw. Textproduktion hier und das aus gutem Grund.

Ja, aber die Rechtschreibung! Die sollte in anderem Zusammenhang geübt werden. Genau dafür gibt es ja den Notenschutz. Und ganz ehrlich – Gedanken klar und präzise zu formulieren ist eine Fähigkeit, die Dein Kind sein Leben lang brauchen wird. Rechtschreibung ist eine Form von Regelwissen, die es überall nachschlagen kann. Vor zehn Jahren hätte noch niemand gedacht, wie YouTube und Podcasts die Präsentation von Wissen verändern würden. Aber in der Welt von morgen wird eine gute Ausdrucksfähigkeit deutlich mehr zählen als Rechtschreibkenntnisse.

Hast Du Fragen dazu? Dann immer her damit. Schreib sie unten in die Kommentare. Du bist anderer Meinung? Das interessiert mich. Auch darauf antworte ich gerne in den Kommentaren.

Du kannst Dir hier die Checkliste herunterladen.

 

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