Ich höre immer wieder: Lesen, Schreiben  und Rechnen lernt man nur durch Lesen, Schreiben und Rechnen. Gleichzeitig kommen viele Kinder zu mir, die völlig frustriert sind und die trotz einer guten Dyskalkulie/LRS-Förderung den Glauben aufgegeben haben, es jemals richtig zu lernen, gerade weil sie schon soviel gelesen, geschrieben  und gerechnet haben – nur leider ohne Erfolg.

 

Muss man die Dyskalkulie/LRS-Förderung revolutionieren?

Nein muss man nicht! Wir müssen sie jedoch nach den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung zu den Themen Lernen, Denken und Emotionen anpassen, wenn wir die betroffenen Kinder bestmöglich unterstützen wollen – egal ob als Eltern, Lehrer, Lern- oder Ergotherapeuten, Logopäden oder in der Nachhilfe.

Du hast in den letzen Wochen häufig Artikel von mir gelesen, in denen es um Beziehung, Lerncoaching und Lernmotivation geht. Ich habe mit vielen der betroffenen Kinder die Erfahrung machen dürfen, dass es genau diese Dinge sind, die den kleinen Unterschied ausmachen.

Es sind diese Veränderungen, die einem Kind wieder die Überzeugung geben – ich kann es schaffen –  und so die Lernmotivation und Lernfreude wieder hervorlocken.

 

 

Was ist Lerncoaching?

Ich gebe Dir hier eine ganz kurze Zusammenfassung vom Lerncoaching.

Coaching im Sinne wie ich es sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern anwende, bedeutet für mich eine einfühlsame Begleitung, die meinem Klienten hilft, seine Potentiale voll auszuschöpfen.

Bei einem Kind mit Dyskalkulie/LRS bedeutet das . . .

  • so gut wie möglich lesen, schreiben  und rechnen lernen.
  • Hilfsmittel sicher und passgenau anwenden.
  • die eigenen Fähigkeiten und Stärken entdecken.
  • Strategien entwickeln, die trotz Dyskalkulie/LRS zum Erfolg verhelfen.
  • Lernblockaden beseitigen.
  • Ziele finden.
  • eigene Erfolge planen.
  • und einen Plan B für Misserfolge haben.

 

Aus der Praxis

Jahrelang habe ich mit klassischer Dyskalkulie/LRS-Förderung und Lerntherapie gearbeitet. Trotzdem haben sich einige Kinder immer sehr schwer getan. Irgendwann war die Luft dann einfach raus. Die Kinder hatten einiges erreicht, aber haben sich auch oft selber begrenzt. Nach dem Motto Lernstörung ist Lernstörung, da geht es nicht besser.

Oft erlebe ich Kinder, die diesen leichten Fatalismus auch auf andere Fächer übertragen und dann nur wegen einer Dyskalkulie oder Legasthenie hinter ihren Fähigkeiten zurückbleiben. Für diese Kinder war ich auf der Suche, als ich anfing, Techniken aus meiner Coachingausbildung an die Kinder anzupassen.

Kinder können gerade im Bezug auf ihre Einstellung zum Lernen und ihre persönlichen Erfolge enorme Veränderungen erzielen.

Vier Tipps für das Training bei Dyskalkulie und Legasthenie

Für die Dyskalkulie/LRS-Förderung möchte ich Dir jetzt vier konkrete Tipps mitgeben, die Du mit  den betroffenen Kindern ausprobieren solltest, um ihre Lernerfolge zu steigern und damit Lernmotivation und Lernfreude auch für andere Fächer zu stärken.

  1. Zielsetzung
  2. Planung
  3. Misserfolgsstrategie
  4. Lernjournal / Lerntagebuch

Wenn Du diese vier Dinge konsequent umsetzt, dann kannst Du Kinder ein großes Stück weiterbringen.

 

Zielsetzung

Jede gute Dyskalkulie/LRS-Förderung hat ein Förderziel. Das Förderziel ist in der Regel die Verbesserung der Lese- , Schreib- oder Rechenleistung. Bis ich mit dem Lerncoaching anfing, war das für gewöhnlich das Ziel der Eltern, meines Klienten und meines. Nur hatte ich oft das Kind gar nicht im Boot. Viele Kinder gaben zwar an, das Ziel zu verfolgen, hatten aber innerlich schon die Einstellung:

Ich schaff das sowieso nicht.

Heute nehme ich mir sehr viel Zeit, mit den Kindern Ziele zu finden, die sie selber für realistisch halten. Das Ziel lautet nicht mehr:

Ich will besser lesen, schreiben oder rechnen lernen!

Die Ziele sind viel mehr deutlich runtergebrochen:

  • Alle Doppelkonsonanten richtig schreiben
  • Alle Aufgaben bis 10 können
  • Mitsprechen
  • Silbenbögen einzeichnen
  • Zahlen zerlegen
  • Täglich 3 Seiten lesen
  • Groß- und Kleinschreibung beachten

Wichtig: Immer nur ein Ziel auf einmal bearbeiten.

 

Planung

Ein Ziel ohne Plan ist nur ein Wunsch

Antoine de Saint Exupéry

Diese Worte von Saint Exupéry müssen wir immer im Hinterkopf haben. Kinder haben viele Wünsche und stimmen auch gerne großen Zielen zu. Aber der Weg dorthin muss klar sein.

In der klassischen Dyskalkulie/LRS-Förderung macht jeder gute Therapeut eine Förderplanung. Die ist wichtig! Heute mache ich jedoch neben der Förderplanung, die ich weiterhin für jedes Kind anlege, eine Planung mit dem Kind.

Dabei bearbeiten wir die Frage: “Wie erreichst Du Dein Ziel?”

Häufig kommt zunächst einmal ein “Weiß ich nicht!” von Kindern, die nicht so geübt darin sind – und die wenigsten Kinder sind geübt darin, eigene Lernpläne aufzustellen. Wir machen dann eine Ideensammlung. Dazu nehmen wir Post its und schreiben alles auf, was uns gemeinsam dazu einfällt.

  • Was hat Dir bisher geholfen?
  • Wann hat es schon mal geklappt?
  • Worauf musst Du besonders achten?
  • Wann hast Du Dein Ziel erreicht? Was ist der Beweis, dass Du Dein Ziel erreicht hast?
  • Wann fängst Du an?
  • Wer kann Dir helfen?
  • Wen kannst Du fragen?

Du siehst sicher, dass alle diese Fragen das Kind in die Verantwortung führen. Es muss selber Ideen entwickeln. Das ist entscheidend! Im Lerncoaching gibt es dazu viele Tools – Frageretechniken, Aktiv Zuhören, Empathische Kommunikation um nur einige zu nennen.

Eigene Ideen verfolgt man viel zielstrebiger als die Ideen anderer Leute.

 

Misserfolgsstrategie

Dieser Punkt ist für mich in jedem Lernprozess wichtig, daher darf er auch im Dyskalkulie/ LRS-Training nicht fehlen.

Selbst bei der besten Dyskalkulie/LRS-Förderung gibt es nicht immer gute Noten und nicht jedes Ziel wird auf Anhieb erreicht. Viele Kinder ziehen sich dann zurück und verlieren den Mut und die Motivation weiter zu machen. Ganz schlimm ist das, wenn sie diese Haltung auch auf andere Fächer übertragen.

Daher ist es ganz wichtig vorher festzulegen, was im Misserfolgsfall getan wird und was als Misserfolg definiert ist.

Dazu möchte ich Dir ein kleines Beispiel geben:

Maria hatte im Diktat zweimal eine Fünf geschrieben. Im nächsten Diktat hatte sie eine Vier. Sie sagte in unserer nächsten Stunde zu mir:

“Ich bin echt zu blöd. Immer wieder mache ich viele Fehler und schreibe auch einfache Wörter falsch. Das wird nie was mit mir in Deutsch!”

Bei solchen Aussagen werde ich immer sehr hellhörig, da sie dauerhaft schlecht für den Selbstwert eines Kindes sind. Ich fragte Maria zunächst nach dem Namen ihrer besten Freundin. Sie war etwas irritiert, aber nannte mir den Namen Nora.

Ich bat sie daraufhin sich vorzustellen, was sie sagen würde, wenn ihre Freundin Nora an ihrer Stelle wäre?

Würde sie zu Nora sagen: “Du bist echt zu blöd? Du lernst Deutsch nie richtig!” Maria zuckte ein wenig zusammen und meinte, dass das ja völlig gemein wäre und sie sicher nicht mit ihrer Freundin so sprechen würde.

Auf meine Frage, was Nora denn vielleicht mit der schlechten Note machen könnte, hatte Maria viele Ideen:

  • Schauen wie sie geübt habe.
  • Überprüfen, ob sie ihr selbstgestecktes Ziel erreicht hatte.
  • Dranbleiben, da eine Vier ja bereits besser sei als eine Fünf.
  • Die Mutter bitten, mit ihr zu üben.
  • Den Deutschlehrer fragen, ob er einen Tipp habe.

Aus dieser Perspektive konnte sie auf einmal eine Misserfolgsstrategie entwickeln und blieb nicht in der Einstellung – ich schaffe das nicht – hängen.

 

Lerntagebuch anlegen

Ein Lerntagebuch – oder auch Lernjournal – ist eine tolle Sache. Es hilft Kindern zu rekapitulieren, was sie gemacht haben. Sowohl die Strategien, die erfolgreich waren, als auch die, die nicht erfolgreich waren, können so identifiziert werden. Kinder wissen das oft nicht. Durch ein Lerntagebuch können sie jederzeit nachschauen, was und wie sie gelernt haben.

  • Wie lange habe ich gelernt?
  • War es ruhig oder habe ich Musik gehört?
  • Konnte ich in Bewegung oder am Schreibtisch besser lernen?
  • War ich hungrig oder durstig ?
  • Habe ich mir ein Ziel gesetzt?
  • Gab es einen Plan für mein Ziel?

Das sind nur einige Bespiele für Notizen im Lerntagebuch. Auf Dauer kann Dein Kind dabei herausfinden, welche Strategien ihm gut tun und welche eher hinderlich sind. Wenn etwas gut geklappt hat, wird es ins Repertoire aufgenommen. Hat etwas nicht funktioniert, kann etwas anderes probiert werden.

Vor allen Dingen hilft das Lerntagebuch dauerhaft, Lernstrategien zu entwickeln und auch aus der Vogelperspektive auf die eigene Arbeit zu schauen. Langfristig führt es dazu, dass Kinder lernen, sich besser einzuschätzen.

 

Dyskalkulie/LRS-Förderung

Wie kannst Du konkret diese Strategien in die Dyskalkulie/ LRS-Förderung von Kindern und einbinden? Zuerst schaut Ihr Euch an, welches Lernziel gerade im Fokus stehen soll. Hier geht es nicht um die nächste Klassenarbeit sondern um ein ganz persönliches Ziel.

Ich nehme hier beispielhaft die Groß- und Kleinschreibung, weil viele Kinder hier unnötig Fehler machen. Dann braucht das Kind für dieses Ziel einen Plan. Dazu gehören alle Dinge, die ihm helfen können, dass Thema umzusetzen und in der nächsten Klassenarbeit daran zu denken. Vielleicht kannst Du mit dem Kind eine Checkliste erstellen?

Dann, ganz wichtig, was tut das Kind wenn es nicht sofort klappt? Wie geht es damit um, wenn im nächsten Diktat immer noch viele Groß- und Kleinschreibfehler sind? Sieht es die Fehler als Chance etwas zu verändern? Denn Fehler sind immer ein Weg, etwas Neues zu lernen.

Legt ein Lerntagebuch an. Das kann helfen, zu schauen was gut geklappt hat, wie viel das Kind geübt hat und welche Strategie sich nicht bewährt hat.

Habt ein wenig Geduld. Diese Veränderungen klappen nicht von heute auf morgen, aber sie helfen dem Kind zu erkennen, dass es selber etwas bewirken kann. Dass es die Dinge in die Hand nehmen kann und Lösungen findet. Und darauf kommt es an! Denn wer es schafft, trotz seiner Dyskalkulie/Legasthenie erfolgreiche Strategien zu entwickeln, schafft das auch in allen anderen Fächern.

Eine Studie zeigt übrigens, dass Schüler mit einer Lernschwäche, die später die Havard Universität besucht haben, genau so vorgegangen sind.

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