LRS oder Legasthenie?

Mir wird häufig die Frage nach dem Unterschied zwischen LRS und Legasthenie gestellt. Die Frage nach der Begrifflichkeit ist nicht einfach. Ich werde im folgenden Artikel die Begriffe zunächst synonym verwenden. Oft fragen Eltern auch nach dem Einfluss der Gene auf eine LRS. Eine weiteres Thema, das Eltern unter den Nägeln brennt, ist: “Geht LRS weg oder nicht?” Dazu möchte ich in diesem Artikel Stellung nehmen und Dir diese Fragen beantworten.

 

Sind die Gene schuld an Legasthenie?

Über den genetischen Einfluss auf LRS wird immer wieder diskutiert. Man weiß heute von familiären Häufungen bei Lese- und Rechtschreibproblemen. Forscher haben auch bestimmte Gene im Blick, die bei einer auftretenden Lese- oder Rechtschreibstörung wichtig sein könnten. Aber nicht alle Kinder, die Veränderungen aufweisen, entwickeln eine LRS. Das Max Planck Institut in Leipzig ist noch einen Schritt weiter gekommen. Die Wissenschaftler haben im MRT (Hirnscan) bestimmte Hirnregionen erkennen können, deren Strukturen bei Kindern mit LRS verändert sind. Diese Veränderungen sollen bereits im Vorschulalter sichtbar sein und mit einer Trefferquote von 75%  kann man betroffene Kinder identifizieren. So weit so gut. Aber was bedeutet das für das Leben und Lernen der betroffenen Kinder?

 

Ist eine Förderung bei LRS anders als bei einer Legasthenie?

Ganz klar nein. Egal wie die Diagnose eines betroffenen Kindes lautet, förderdiagnostisch muss erstmal der Ist-Stand im Lesen und Schreiben erhoben werden. Von da aus wird dann, individuell angepasst an jedes Kind, ein Förderplan erarbeitet. Daher ist es aus lerntherapeutischer Sicht nur wichtig, Lese- Rechtschreibprobleme rechtzeitig zu erkennen und den Kindern so früh wie möglich fachgerecht zu helfen.

 

Wie kommt es zur Diagnose Lese-Rechtschreibschwäche (LRS) vs. Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie)?

Du bekommst entweder vom Schulpsychologen oder vom Kinder- und Jugendpsychiater nach ausgiebigen Tests entweder das Ergebnis LRS oder Legasthenie. Wenn wir nun davon ausgehen, dass die Lese-Rechtschreibschwäche vorübergehend ist und die Legasthenie oder Lese-Rechtschreibstörung bestehen bleibt, da genetische bzw. neurologische Veränderungen die Ursache sind, muss man fragen, wie wird die Diagnose gestellt? In der Regel nicht mit einem MRT oder Gentest, sondern mit psychologischen Tests. Die Kinder machen mindestens einen Rechtschreib- oder Lesetest und einen Intelligenztest. Diese Werte werden in Beziehung zueinander gesetzt und müssen eine genormte Differenz aufweisen, um dann von LRS oder aber von Legasthenie zu sprechen.

 

Praktische Auswirkungen?

Kinder mit einem hohen IQ haben nach diesem Verfahren öfter eine Legasthenie als Kinder mit einem niedrigeren IQ. Das ist für sich genommen schon einmal fraglich. Kinder, deren durchschnittlicher IQ eher geringer ist, kommen somit seltener in den Genuss des sogenannten Nachteilsausgleichs. Gerade diese Kinder können ihre Schwäche aber in der Regel nicht so gut kompensieren. LRS oder Legasthenie in der Diagnostik hängen somit am IQ und an der Rechtschreib- bzw. Leseleistung. Daraus eine genetische Komponente abzuleiten, ist in meinen Augen schwierig.

 

Hilfe für die betroffenen Kinder!

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Kindern, die an einer LRS oder Legasthenie leiden. Ob nun das Eine oder das Andere, ich sehe in beiden Fällen Kinder, die schnell Fortschritte machen und Kinder, die deutlich länger brauchen. Fakt ist, gibt es Probleme, brauchen die Betroffenen Hilfe und keine Bewertung oder Einteilungen in bestimmte Schubladen. Mit der richtigen Unterstützung kann jedes Kind seine Lese-Rechtschreibleistung deutlich verbessern – und das ist das Ziel meiner Arbeit.

 

 

0 Shares