Einmaleins lernen statt Malreihen aufsagen

Malreihen verstehen

Aktualisiert am 4. September 2026

„Willst du Plusrechnen für Faule lernen?“

Mit dieser Frage führe ich die Multiplikation ein, und sie verfehlt ihre Wirkung selten. Ein Kind, das sich das Rechnen mühsam erarbeitet hat, findet die Aussicht, weniger rechnen zu müssen, ausgesprochen attraktiv.

Die Frage sagt allerdings nur die halbe Wahrheit. Dazu gleich mehr.

Vorher ein Satz, den ich in Erstgesprächen sehr oft höre: „Gerade lief es in Mathe etwas besser, und jetzt kommt auch noch das Malnehmen. Nun geht gar nichts mehr.“

Puh.

Meistens liegt das weder am Kind noch an den Eltern, die abends am Küchentisch die Siebenerreihe abfragen. Es liegt daran, wie das Einmaleins gelernt werden soll. Reihe für Reihe, auswendig, möglichst schnell. Ich zeige dir in diesem Artikel, warum das bei rechenschwachen Kindern so oft scheitert und was stattdessen hilft.

Auf einen Blick: Einmaleins ohne Malreihen

  • Malreihen aufsagen ist Zählen in Schritten. Bei 7 · 3 muss das Kind die ganze Kette durchlaufen, und bei der ersten Lücke ist das Ergebnis weg.
  • Multiplikation bedeutet gleich große Gruppen. Das Kind legt sie erst mit Material, stellt sie sich dann vor und schreibt zuletzt die Gleichung.
  • Vier Kernaufgabengruppen mit 1, 2, 5 und 10 werden zuerst gesichert. Alle anderen Aufgaben leitet das Kind daraus ab, zum Beispiel 3 · 7 aus zwei Siebenern und einem Siebener.
  • Ein Kind, das vernetzt denkt, findet eine vergessene Aufgabe über eine Nachbaraufgabe wieder. Ein Kind, das aufsagt, steht ohne Weg da.
Inhaltsverzeichnis
  1. Was passiert beim Aufsagen einer Malreihe im Kopf?
  2. Was ist Multiplikation überhaupt?
  3. Vier Aufgabengruppen statt zehn Reihen
  4. Aus leichten Aufgaben schwere bauen
  5. Was passiert, wenn ein Kind eine Aufgabe vergessen hat?
  6. Fragen und Antworten
  7. Und das Auswendigwissen?
  8. Was ist mit älteren Kindern und Jugendlichen?
  9. Fazit

Was passiert beim Aufsagen einer Malreihe im Kopf?

„Drei, sechs, neun, zwölf, fünfzehn, achtzehn, einundzwanzig.“

Das klingt nach Können. Schauen wir genauer hin, dann ist es Zählen in Dreierschritten. Fragst du dieses Kind nach 7 · 3, muss es die ganze Kette von vorne durchlaufen und dabei mitzählen, bei welchem Schritt es gerade ist. Zwei Dinge gleichzeitig im Kopf behalten, während die Aufmerksamkeit schon nachlässt. Ein Fehler beim Mitzählen und das Ergebnis ist falsch, ohne dass das Kind es merken kann.

Stell dir mal vor, du bist acht Jahre alt.

Du sollst Zahlenfolgen aufsagen, die für dich keine Bedeutung haben. Sieben mal drei ist einundzwanzig. Warum? Weil es so in der Reihe steht. Du hast keine Vorstellung davon, was diese Aufgabe zeigt, und niemand hat dich gefragt, ob du eine brauchst. Jeden Tag kommt eine neue Reihe dazu, und die von letzter Woche ist schon wieder halb weg.

Im Artikel zum Zehnerübergang habe ich dir vom Arbeitsgedächtnis erzählt, dem Flaschenhals beim Lernen. Es kann nur wenige Dinge gleichzeitig halten. Eine auswendig gelernte Reihe belegt dort viel Platz, weil jedes Ergebnis einzeln abgelegt ist und mit nichts verbunden. Ein Bündel dagegen, das aus einer Vorstellung und einer Beziehung besteht, belegt einen einzigen Platz und lässt sich von dort aus wieder aufbauen.

Wie viele Kinder kennst du, die eine Reihe fehlerfrei aufsagen und trotzdem bei 6 · 7 ratlos sind?

Genau darum geht es.

Was ist Multiplikation überhaupt?

Zurück zum Plusrechnen für Faule. Multiplizieren fasst zusammen, was sonst als lange Additionskette dastünde. Das stimmt. Wer es dabei belässt, hat dem Kind aber nur eine Abkürzung beigebracht und keine neue Operation.

Die Multiplikation hat eine eigene Struktur. Sie arbeitet mit gleich großen Gruppen.

Lisa kauft drei Tüten mit Brötchen. In jeder Tüte sind vier Brötchen. Das ist eine Malsituation. Drei Gruppen, jede gleich groß. Ein einzelner Stuhl mit vier Beinen ist noch keine Malsituation. Sechs Stühle mit je vier Beinen sind eine.

Der Unterschied wird sichtbar, wenn du zwölf Bohnen auf den Tisch legst. Als Haufen muss man sie einzeln zählen. In drei Spalten zu je vier kann man sie erfassen, weil die Ordnung das Zählen überflüssig macht. Diese rechteckige Anordnung ist der Kern der Multiplikation, und das Kind braucht sie später wieder, bei Flächen, bei Vielfachen und bei den schriftlichen Verfahren.

Handeln, vorstellen, schreiben

Der Weg dorthin geht wie bei allen Rechenoperationen über die Handlung.

Erst legt das Kind. Drei Schälchen, in jedes vier Bohnen. Die Gruppen bleiben als Gruppen sichtbar.

Dann stellt es sich vor. „Stell dir vor, Lisa hat drei Tüten mit je vier Brötchen. Hast du das Bild vor Augen?“

Erst dann wird geschrieben. 3 · 4 = 12. Das Malzeichen wird aus der gelegten Situation abgeleitet und kommt erst, wenn die Handlung sitzt.

Ob das Kind die Struktur erfasst hat, hörst du an seiner Sprache. Wer auf die Frage, was da liegt, sagt: „Hier liegen drei Vierer“, hat verstanden. Wer nur „zwölf“ sagt, hat gezählt.

Vorsicht! Stolperfalle!

Fang mit der Multiplikation erst an, wenn Addition und Subtraktion im Zahlenraum bis 100 sicher sind. Solange das Fundament fehlt, richtet das Malnehmen mehr Schaden an als Nutzen. Das gilt auch dann, wenn in der Schule längst die Malreihen dran sind. Im Zweifel gehst du zurück und sicherst die Ebene darunter. Wo das Kind steht, zeigt dir die Förderdiagnostik. Das kostet ein paar Wochen und spart Monate.

Vier Aufgabengruppen statt zehn Reihen

Jetzt kommt der Teil, der das Einmaleins für rechenschwache Kinder überhaupt erst zugänglich macht.

Der Aufbau beginnt weder mit der Zweierreihe noch mit der Dreierreihe. Er beginnt mit vier Aufgabengruppen, die quer durch alle Reihen laufen und dem Kind besonders leicht zugänglich sind. Wir nennen sie Kernaufgaben.

  • Aufgaben mit 1. Das Ergebnis ist immer die andere Zahl.
  • Aufgaben mit 2. Das ist Verdoppeln, und das kennt das Kind schon aus der Addition.
  • Aufgaben mit 10. Jede Reihe im Hunderterfeld hat zehn Punkte, die Zehnerstruktur kennt das Kind ebenfalls.
  • Aufgaben mit 5. Genau die Hälfte von den Zehneraufgaben.

Lass das Kind jede Gruppe am Hunderterpunktefeld legen und selbst formulieren, warum diese Aufgaben leicht sind. Diese vier Gruppen werden gesichert, bevor irgendetwas anderes geübt wird. Sie machen bereits einen erheblichen Teil des kleinen Einmaleins aus, und sie sind die Stützpunkte, von denen aus alles Weitere hergeleitet wird.

Das ist der erste Knoten im Netz.

Aus leichten Aufgaben schwere bauen

Alle übrigen Aufgaben werden im Anschluss gebaut und dabei entdeckt.

Nimm 3 · 7. Das Kind weiß, dass es dafür drei Siebener braucht. Zwei Siebener kennt es aus den Kernaufgaben, das sind 14. Ein Siebener kommt dazu. 14 + 7 = 21. Das Kind hat die Aufgabe gerechnet und dabei verstanden, wie sie zusammenhängt.

Oder am Material: „Leg fünf mal acht. Mach daraus sechs mal acht.“ Das Kind sieht, dass nur eine weitere Achtergruppe dazukommt, und rechnet 40 + 8.

Die wichtigsten Ableitungen sammelt ihr auf einem Blatt:

  • Dreimal ist zweimal und noch einmal.
  • Viermal ist das Doppelte von zweimal.
  • Sechsmal ist fünfmal und noch einmal.
  • Achtmal ist das Doppelte von viermal.
  • Neunmal ist zehnmal weniger einmal.

Der Weg über das Ableiten geht auf Michael Gaidoschik zurück, Mathematikdidaktiker aus Klagenfurt. Er hat ihn in seinem Buch „Einmaleins verstehen, vernetzen, merken“ (2014) ausführlich beschrieben, und der Titel sagt schon, worum es geht.

Was passiert, wenn ein Kind eine Aufgabe vergessen hat?

Hier zeigt sich der Unterschied zwischen Reihe und Netz am deutlichsten.

Ein Kind, das die Siebenerreihe auswendig gelernt hat und 6 · 7 vergisst, steht ohne Weg da. Es kann raten oder die Reihe von vorne aufsagen und hoffen, dass es diesmal klappt.

Ein Kind, das im Netz denkt, fragt sich: „Welche Aufgabe hilft mir weiter?“ 5 · 7 + 1 · 7 = 42.

Solche Zahlbeziehungen übst du als kurze Denkfragen, ohne Material, immer wieder zwischendurch:

  • Muss 7 · 4 größer oder kleiner sein als 5 · 4? Woher weißt du das?
  • Um wie viel ist 7 · 4 größer als 6 · 4?
  • Du hast 6 · 7 vergessen. Welche Aufgabe hilft dir weiter?

Diese Fragen sind schnell gestellt und passen in jede Stunde. Sie machen aus dem Einmaleins ein Netz statt einer Liste. Ein Netz hält, auch wenn ein einzelner Faden reißt. Bei einer Liste ist mit dem vergessenen Eintrag alles weg.

Fragen und Antworten

Wann sollte ein Kind mit dem Einmaleins anfangen?

Erst wenn Addition und Subtraktion im Zahlenraum bis 100 sicher sind. Vorher fehlt der Multiplikation das Fundament, auch wenn die Schule schon weiter ist.

Ist es schädlich, Malreihen aufzusagen?

Aufsagen ist Zählen in Schritten und ersetzt kein Verständnis. Wer bei 7 · 3 die ganze Reihe durchlaufen muss, hat die Aufgabe nicht verfügbar. Frag deshalb einzelne Aufgaben in wechselnder Reihenfolge ab und nie eine Reihe der Länge nach.

Welche Aufgaben sollte ein Kind zuerst sicher können?

Die Kernaufgaben mit 1, 2, 5 und 10. Sie sind leicht zugänglich, laufen quer durch alle Reihen und sind die Stützpunkte, aus denen alle anderen Aufgaben abgeleitet werden.

Wie lange dauert es, bis das Einmaleins sitzt?

Bei rechenschwachen Kindern mehrere Monate. Kurz und häufig üben, wenige Minuten am Tag, und dabei Legen und Ableiten abwechseln.

Mein Kind ist schon in der 5. Klasse und kann das Einmaleins nicht. Was jetzt?

Der Weg bleibt derselbe, nur der Rahmen wird sachlicher. Kernaufgaben sichern, ableiten lernen, mit Preisen und Entfernungen rechnen statt mit Brötchen. Wer ableiten kann, kommt durch den Alltag, auch ohne jede Aufgabe sofort parat zu haben.

Und das Auswendigwissen?

Am Ende soll das Kind das kleine Einmaleins abrufen können, das bleibt das Ziel. Nur die Reihenfolge ist eine andere. Erst wird verstanden und vernetzt, dann wird gesichert. Apps, Lieder und Reihentrainer üben Tempo, und sie üben es reihenweise. Bevor die Kernaufgaben sitzen und das Kind ableiten kann, belohnen sie genau das Aufsagen, von dem wir wegwollen.

Wie das Sichern dann aussieht, kurz und häufig, mit Hilfsaufgabe vor Ergebnis, ist einen eigenen Artikel wert.

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Was ist mit älteren Kindern und Jugendlichen?

Ältere Kinder, die das Einmaleins nicht abrufen können, haben es meistens jahrelang auswendig zu lernen versucht. Das Thema ist entsprechend besetzt, und mit bunten Punktefeldern und Brötchentüten kommst du hier nicht weit.

Die Sache selbst bleibt gleich. Kernaufgaben sichern, ableiten, Zahlbeziehungen nutzen. Nur der Rahmen ändert sich. Ich sage Jugendlichen offen, worum es geht. Es geht um wenige Aufgaben und eine Technik, mit der man den Rest herausbekommt. Wir rechnen mit Preisen, Entfernungen, Portionen und Arbeitszeiten statt mit Brötchen.

Vor allem nehme ich ihnen die Vorstellung, dass sie alles nachholen müssen. Wer die Kernaufgaben sicher hat und ableiten kann, kommt durch den Alltag, auch wenn nicht jede Aufgabe sofort abrufbar ist.

Fazit

Vier Kernaufgabengruppen, eine Technik zum Ableiten und ein paar Denkfragen für zwischendurch. Das ist weniger Stoff als zehn Reihen, und es hält.

Ein Kind, das versteht, warum 6 · 7 gleich 42 ist, kann diese Aufgabe jederzeit wieder aufbauen. Ein Kind, das die Siebenerreihe auswendig kann, hat sie nur so lange, wie das Gedächtnis mitspielt. Verständnis vor Leistung gilt beim Einmaleins genauso wie überall sonst in der Förderung.

Gib den Kindern die Zeit, das Netz zu knüpfen. Es dauert länger als das Auswendiglernen. Dafür bleibt es.

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Petra Rodenberg

Petra Rodenberg

Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin (M.A.), Lifecoach und Heilpraktikerin. Seit über 15 Jahren begleite ich Kinder mit Lern- und Rechenschwierigkeiten und bilde Lerncoaches sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen aus. Ich bin überzeugt: Ein gut informierter Erwachsener kann das Leben eines betroffenen Kindes grundlegend verändern. Deshalb blogge ich seit fast zehn Jahren und halte Vorträge, um mein Wissen weiterzugeben und Mut zu machen.

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