Aktualisiert am 31. Oktober 2026
Manche Kinder können lesen, sogar ziemlich korrekt. Aber es dauert. Wort für Wort arbeiten sie sich durch den Satz, und am Ende wissen sie nicht mehr, was am Anfang stand.
Der gut gemeinte Rat kommt dann schnell: „Das Kind muss einfach mehr lesen. Jeden Abend zehn Minuten, dann wird das schon.“ Bei vielen Kindern stimmt das sogar. Bei Kindern mit Legasthenie oder LRS reicht es meistens nicht.
Kurz gesagt: Wer zu langsam liest, hat im Kopf keinen Platz mehr fürs Verstehen. Das Ziel ist automatisiertes Lesen, also zügig, betont und mit Verständnis. Mehr stilles Lesen bringt Kinder mit Leseschwierigkeiten dabei kaum weiter, angeleitetes, wiederholtes Lautlesen wie das Tandemlesen hilft deutlich mehr. Wo du genau ansetzt, hängt davon ab, woran es beim Kind hakt.
Inhaltsverzeichnis
- Langsames Lesen bremst das Verstehen
- Zwei Wege zum Wort: zusammensetzen oder abrufen
- Leseflüssigkeit ist mehr als Tempo
- Mehr Lesezeit allein reicht nicht
- Tandemlesen und andere Lautleseverfahren
- Silbenteppich, Tandemlesen oder beides? Das hängt an der Ausgangslage
- Fazit
- Häufige Fragen zur Lesegeschwindigkeit
Langsames Lesen bremst das Verstehen
Lesegeschwindigkeit hat großen Einfluss darauf, wie gut ein Kind versteht, was es liest. Wenn das Entziffern viel Kraft kostet, ist das Arbeitsgedächtnis voll. Dann bleibt kein Platz, um das Gelesene zu verarbeiten und Schlüsse daraus zu ziehen.
Typisch sind Kinder, die einen Satz fehlerfrei vorlesen und danach nicht sagen können, worum es ging. Die ganze Aufmerksamkeit ist ins Entziffern geflossen, fürs Verstehen ist nichts übrig.
Zwei Wege zum Wort: zusammensetzen oder abrufen
Wenn ein Kind lesen lernt, erkennt es zuerst die Buchstaben, verwandelt sie in Laute und zieht die Laute zusammen. Am Ende kommt ein Wort heraus. Das Kind vergleicht es mit seinem Speicher im Kopf: Kenne ich das? Wenn ja, ist das Wort gelesen. Wenn nicht, muss es noch einmal ran.
Dieses Zusammenziehen ist ein normaler und notwendiger Entwicklungsschritt. Auch geübte Leser nutzen ihn, wenn ein unbekanntes Wort auftaucht. Mit der Zeit kommen aber immer mehr Wörter dazu, die das Kind auf einen Blick erkennt. Wer flüssig liest, sieht ein Wort und weiß sofort, was es bedeutet.
Schwierig wird es, wenn ein Kind in der zweiten oder dritten Klasse noch auf der ersten Stufe hängt. Es liest „Sch-m-e-tt-er-l-i-ng“ und braucht lange, bis das Wort dasteht. Zwei Sätze später taucht der Schmetterling wieder auf, und das Kind fängt von vorne an.
Ich vergleiche das gern mit einem Billy-Regal. Beim ersten Mal schraubst du es mühsam nach Anleitung zusammen. Danach steht es, und du musst nie wieder ran. Bei Kindern mit Leseschwierigkeiten fällt das Regal nach jedem Aufbau wieder auseinander. Jedes Mal, wenn sie das Wort brauchen, schrauben sie von vorne. Das Ziel der Förderung ist, dass das Billy stehen bleibt und das Wortbild einfach da ist.

Leseflüssigkeit ist mehr als Tempo
Wenn wir über Lesegeschwindigkeit sprechen, geht es um Leseflüssigkeit. Die Lesedidaktiker Cornelia Rosebrock und Daniel Nix beschreiben dafür vier Bausteine.
Der erste ist die Lesegenauigkeit, also dass ein Kind die Wörter richtig liest. Im Deutschen ist das meist gar nicht das Hauptproblem, weil viele Wörter so geschrieben werden, wie man sie spricht. Meist hakt es beim zweiten Baustein, der Automatisierung: Das Kind erkennt Wörter, ohne sie zusammenzusetzen. Daraus ergibt sich der dritte, ein angemessenes Tempo. Und der vierte ist die Betonung. Das Kind liest mit Satzmelodie, nicht monoton Wort für Wort.

Wie schnell ist schnell genug? Das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung Bayern (ISB) nennt als Voraussetzung, einen Text inhaltlich zu erfassen, mindestens 80 bis 100 Wörter pro Minute. Das Ziel ist also kein Formel-1-Rennen mit Büchern. Ein Kind soll zügig lesen, betont lesen und am Ende verstanden haben, was es gelesen hat.
Zur Orientierung hilft ein Blick auf die Richtwerte für das laute Vorlesen. Gezählt werden richtig gelesene Wörter pro Minute:
| Klassenstufe | durchschnittliche Leser | sehr gute Leser |
|---|---|---|
| Ende Klasse 2 | etwa 80–90 Wörter pro Minute | etwa 115 Wörter pro Minute |
| Ende Klasse 4 | etwa 130–140 Wörter pro Minute | etwa 165 Wörter pro Minute |
Quelle: LehrplanPLUS Bayern nach Rosebrock, Gold, Nix & Rieckmann (2011), S. 54 ff.
Andere Bundesländer arbeiten mit anderen Maßstäben. Schleswig-Holstein rechnet im Leseband.SH zum Beispiel die Ergebnisse des Salzburger Lesescreenings in Wörter pro Minute um. Dort liest das Kind still Sätze, deshalb liegen die Werte niedriger. Wichtig ist also, Werte immer mit demselben Verfahren zu vergleichen.
Mehr Lesezeit allein reicht nicht
Ein verbreitetes Modell: Das Kind liest jeden Tag zehn Minuten, die Eieruhr läuft, im Leseheft wird abgehakt. Und wenn es nicht schneller wird, heißt es: „Dann eben 15 Minuten.“
Für die Leseflüssigkeit bringt das wenig. Selbstständiges stilles Lesen hat für Kinder mit Leseschwierigkeiten kaum eine Wirkung. Deutlich besser helfen angeleitete, wiederholte Lautleseverfahren. Das haben Rosebrock und Nix immer wieder untersucht. Das Kind erkennt Wörter schneller, liest flüssiger und versteht am Ende mehr.
Stilles Lesen ist trotzdem nicht schlecht. Ein Kind, das gern liest, soll so viel lesen, wie es mag. Ein Kind mit Leseschwierigkeiten hat aber nur begrenzt Lesezeit am Tag, und die soll es so gut wie möglich nutzen.
Tandemlesen und andere Lautleseverfahren
Beim Lautlesetandem lesen ein schwächerer und ein stärkerer Leser gemeinsam einen Text laut. Der stärkere Leser macht vor, wie der Text klingt, hilft bei schwierigen Stellen und gibt Rückmeldung. Stellen, die noch holpern, werden wiederholt.
Das Kind liest denselben Text mehrmals und sammelt dabei viele erfolgreiche Leseerfahrungen. Es begegnet immer wieder denselben Wörtern und Wortfolgen. So stehen die Chancen gut, dass ein Wort im Speicher landet und das Billy stehen bleibt.
Neben dem Tandem gibt es weitere Lautleseverfahren, die du gut abwechseln kannst. Beim chorischen Lesen lesen alle einen Text gemeinsam laut. Beim Echo-Lesen liest du einen Satz vor, und das Kind liest ihn nach. Beim wiederholenden Lesen liest das Kind einen kurzen Abschnitt mehrmals hintereinander. Und beim Lesetheater lesen Kinder einen Text mit verteilten Rollen, am Ende vielleicht sogar als kleine Aufführung.
Wichtig ist die Regelmäßigkeit. Plane mindestens viermal pro Woche 20 Minuten ein. Mit sichtbarem Erfolg kannst du eher nach vier bis fünf Monaten rechnen. Bei Kindern mit großen Schwierigkeiten beim Entziffern helfen zu Beginn Texte ohne b, p, d, t, g und k. Diese Laute kommen dann nach und nach dazu.
Silbenteppich, Tandemlesen oder beides? Das hängt an der Ausgangslage
Silbenteppiche und Tandemlesen schließen sich nicht aus. Was ein Kind braucht, entscheidet aber, wo es gerade steht. Ich unterscheide drei Ausgangslagen.
1. Laute und Buchstaben sitzen noch nicht sicher
Das Kind ordnet Laute und Buchstaben noch unsicher zu oder kann sie nicht gut zusammenziehen. Dann arbeitest du genau an dieser Stelle. Tandemlesen allein löst dieses Grundproblem nicht.
2. Das Kind liest sicher, aber Buchstabe für Buchstabe
Das Kind liest richtig, aber noch sehr langsam und Buchstabe für Buchstabe. Dann automatisierst du Silben, häufige Buchstabenfolgen und Wortbausteine, zum Beispiel mit dem Silbenteppich. Gleichzeitig startest du mit Lautleseverfahren.
3. Das Kind erkennt Wörter, ruft sie aber langsam ab
Das Kind kennt die Wörter, braucht aber lange, bis es sie abruft. Dann sind Lautleseverfahren allein das Mittel der Wahl.

Bevor du also ein Übungsheft aufschlägst, schau genau hin: Wo stockt das Kind? Welche Wörter gehen schon automatisch? Welche Muster bremsen es aus?
Tiefer einsteigen
Du willst genau verstehen, warum ein Kind an einer bestimmten Stelle hängt, und daraus eine passende Förderung ableiten? Einen ersten Einstieg bietet der kostenlose LRS-Kurs mit vier kurzen Videos. In der Ausbildung zur Legasthenietrainer:in lernst du, Leseschwierigkeiten zu analysieren und gezielt zu fördern.
Fazit
Wenn ein Kind langsam liest, liegt die Frage nahe, wie es schneller wird. Weiter bringt dich eine andere: Warum ist das Lesen bei diesem Kind noch nicht automatisiert?
Vielleicht fehlen noch Grundlagen. Vielleicht müssen Silben und Wortmuster erst sitzen. Vielleicht kennt das Kind die Wörter längst und braucht nur viel begleitetes, wiederholtes Lesen. Bei guter Förderung geht es nicht darum, möglichst viel zu üben. Entscheidend ist, zu verstehen, wo das Kind steht.
Dann bleibt das Billy irgendwann stehen.
Mehr dazu hörst du in der passenden LegaTalk-Folge: Was tun, wenn ein Kind beim Lesen nicht schneller wird?
Häufige Fragen zur Lesegeschwindigkeit
Was ist Leseflüssigkeit?
Leseflüssigkeit heißt, genau, automatisiert, in angemessenem Tempo und betont zu lesen. Sie ist die Brücke zwischen dem Entziffern und dem Verstehen.
Hilft tägliches stilles Lesen gegen langsames Lesen?
Für Kinder mit Leseschwierigkeiten kaum. Angeleitetes, wiederholtes Lautlesen wie das Tandemlesen hilft deutlich mehr.
Was ist Tandemlesen?
Ein stärkerer und ein schwächerer Leser lesen einen Text gemeinsam laut. Der stärkere Leser macht vor, unterstützt und gibt Rückmeldung, schwierige Stellen werden wiederholt.
Wie viele Wörter pro Minute sollte ein Kind lesen?
Nach den Richtwerten aus Bayern lesen durchschnittliche Leser am Ende der zweiten Klasse etwa 80 bis 90 Wörter pro Minute laut vor, am Ende der vierten Klasse etwa 130 bis 140. Fürs Verstehen eines Textes braucht es mindestens 80 bis 100 Wörter pro Minute.
Woran erkennt man früh, dass ein Kind langsam lesen könnte?
Hinweise geben die phonologische Bewusstheit und die Benennungsgeschwindigkeit, also wie schnell ein Kind vertraute Dinge wie Farben benennt. Beides zeigt ein Risiko an, keine Diagnose. Wer es kennt, kann früher hinschauen.
Quellen: ISB Bayern, Methodenkarte „Digitale Tools: Lesbarkeitsindex“, lesen.bayern.de. · Rosebrock, C., Gold, A., Nix, D. & Rieckmann, C. (2011). Leseflüssigkeit fördern. Lautleseverfahren für die Primar- und Sekundarstufe. Seelze: Klett Kallmeyer, S. 54 ff. · LehrplanPLUS Bayern (Richtwerte Lesegeschwindigkeit). · Ministerium für Allgemeine und Berufliche Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur Schleswig-Holstein (2024). Handreichung Leseband.SH, S. 18–21.
Petra Rodenberg
Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin (M.A.), Lifecoach und Heilpraktikerin. Seit über 15 Jahren begleite ich Kinder mit Lern- und Rechenschwierigkeiten und bilde Lerncoaches sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen aus. Ich bin überzeugt: Ein gut informierter Erwachsener kann das Leben eines betroffenen Kindes grundlegend verändern. Deshalb blogge ich seit fast zehn Jahren und halte Vorträge, um mein Wissen weiterzugeben und Mut zu machen.