Das Arbeitsgedächtnis und seine Rolle bei LRS und Dyskalkulie

Das Arbeitsgedächtnis, ein Faktor bei LRS und der Dyskalkulie
Arbeitsgedächtnis und seine Rolle bei LRS und Dyskalkulie

Arbeitsgedächtnis und seine Rolle bei LRS und Dyskalkulie

Arbeitsgedächtnis, zentrale Exekutive, phonologische Schleife – mit diesen Begriffen arbeiten wir in der Lernförderung immer wieder. Sie fallen in Diagnostikberichten, in Fortbildungen, in Gesprächen mit Kolleginnen. Aber wie genau das Arbeitsgedächtnis eigentlich funktioniert und was dahintersteckt, bleibt im Alltag oft unscharf.

In diesem Artikel schauen wir einmal genau hin. Was ist das Arbeitsgedächtnis? Woraus besteht es? Und welche Rolle spielt es bei LRS und Dyskalkulie?

Ein kurzer Selbstversuch macht den Anfang. Rechne im Kopf: 47 + 28. Und jetzt multipliziere das Ergebnis mit 3.

Du musstest die 75 festhalten, während du schon den nächsten Schritt geplant hast. Dieses gleichzeitige Behalten und Verarbeiten ist die Arbeit, die das Arbeitsgedächtnis leistet. Und du hast vermutlich bemerkt, wie schnell die Kapazität an ihre Grenze kommt.

Inhaltsverzeichnis
  1. Was ist das Arbeitsgedächtnis?
  2. Wie groß ist das Arbeitsgedächtnis?
  3. Welche Rolle spielt das Arbeitsgedächtnis bei LRS und Dyskalkulie?
  4. Kann man das Arbeitsgedächtnis trainieren?
  5. Fragen und Antworten
  6. Was wirklich hilft: das Arbeitsgedächtnis entlasten
  7. Fazit

Was ist das Arbeitsgedächtnis?

Stell dir das Arbeitsgedächtnis wie einen Schreibtisch vor. Alles, woran du gerade arbeitest, liegt griffbereit vor dir. Du schiebst Dinge hin und her, kombinierst sie, bearbeitest sie. Aber die Arbeitsfläche ist begrenzt. Was keinen Platz mehr findet, fällt herunter und ist weg.

Das Modell dahinter stammt von Baddeley und Hitch und bildet bis heute das Fundament. Das Arbeitsgedächtnis ist dabei das Gesamtsystem, und es besteht aus mehreren Komponenten. Im Zentrum steht die zentrale Exekutive, die steuernde Instanz. Sie lenkt die Aufmerksamkeit, verteilt die Ressourcen und entscheidet, was bearbeitet wird und was warten muss. Ihr zur Seite stehen zwei Hilfssysteme: die phonologische Schleife für sprachlich-lautliche Information und der visuell-räumliche Notizblock für Bildhaftes und Räumliches. Später ergänzte Baddeley den episodischen Puffer, der die Verbindung zum Langzeitgedächtnis herstellt.

Schaubild des Arbeitsgedächtnismodells nach Alan D. Baddeley mit zentraler Exekutive, phonologischer Schleife, visuell-räumlichem Notizblock, episodischem Puffer und Langzeitgedächtnis.

Auf den Schreibtisch übertragen: Die zentrale Exekutive ist die Hand, die entscheidet, was wohin gelegt und bearbeitet wird. Die beiden Hilfssysteme sind getrennte Ablagen, eine für Gehörtes und Gesprochenes, eine für Gesehenes und Räumliches. Und der Tisch hat nur eine begrenzte Fläche.

Wie groß ist das Arbeitsgedächtnis?

Die Kapazität des Arbeitsgedächtnisses ist begrenzt und wächst erst im Lauf der Entwicklung. Bei kleinen Kindern lassen sich nur wenige Einheiten gleichzeitig halten, zur Einschulung sind es etwa drei bis vier, und erst im Jugendalter wird das Niveau Erwachsener erreicht.

Drei bis vier Einheiten bei einem Grundschulkind. Mehr ist erst einmal nicht da.

Wie eng diese Kapazität ist, lässt sich direkt sichtbar machen. In der Diagnostik wird die phonologische Schleife unter anderem mit dem Nachsprechen von Kunstwörtern geprüft, also bedeutungslosen Lautfolgen wie „rasu“ oder „mokabili“. Weil die Wörter keine Bedeutung tragen, kann das Kind sie nicht aus dem Langzeitgedächtnis ergänzen. Es muss die reine Lautfolge im Kopf behalten.

In meiner langjährigen Arbeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass die meisten Kinder mit drei und vier Silben beim Nachsprechen noch gut zurechtkommen. Ab fünf Silben wird es für viele schon schwierig. Genau dieser Punkt, an dem es kippt, macht die begrenzte Kapazität im Förderalltag unmittelbar erfahrbar.

Wenn du dir diese Grenze vor Augen führst, verändert sich der Blick auf viele Situationen. Verständlich wird dann zum Beispiel:

  • warum ein Kind den zweiten Teil einer Anweisung nicht mehr ausführt, obwohl es den ersten verstanden hat,
  • warum es beim Abschreiben ständig zur Vorlage zurückschaut,
  • warum eine Aufgabe, die mehrere Schritte verlangt, mittendrin zusammenbricht.

Der Schreibtisch ist schlicht voll. Was nicht mehr draufpasst, fällt herunter.

Zwei Schreibtische im Vergleich: ein kleiner, überladener Tisch, von dem ein Buch herunterfällt, und ein großer, aufgeräumter Tisch mit ausreichend Platz.

Hier lohnt sich ein genauer Blick auf einen Begriff, der im Alltag oft danebenliegt. Vieles, was wie ein Konzentrationsproblem aussieht, ist in Wahrheit ein volles Arbeitsgedächtnis. Das gezielte Lenken der Aufmerksamkeit, das Ausblenden von Störendem und das Festhalten am roten Faden ist Aufgabe der zentralen Exekutive, also einer Kernkomponente des Arbeitsgedächtnisses. Ist diese Steuerleistung überlastet, wirkt das Kind unaufmerksam, ohne es zu sein. Der Kopf ist nicht woanders, er ist voll.

Welche Rolle spielt das Arbeitsgedächtnis bei LRS und Dyskalkulie?

Jetzt wird es für unsere Arbeit konkret. Wenn die Kapazität begrenzt ist und einzelne Komponenten unterschiedlich belastbar sind, dann zeigt sich das genau dort, wo Kinder mit LRS und Dyskalkulie ohnehin kämpfen.

Beim Lesen und Schreiben ist vor allem die phonologische Schleife gefordert. Ein Kind, das ein Wort verschriftet, muss die Lautfolge im Kopf behalten, während es Laut für Laut in Buchstaben übersetzt. Es hört das Wort, hält es fest, sucht den ersten Laut, ordnet ihm einen Buchstaben zu, schreibt ihn und muss in diesem Moment noch wissen, welche Laute folgen. Ist die phonologische Schleife schwach, zerfällt das Wort, bevor es zu Ende geschrieben ist. Der Satzanfang ist weg, wenn das Satzende erreicht wird. Genau diese Beobachtung machen wir bei vielen Kindern mit LRS.

Beim Rechnen ist die Belastung breiter. Hier zeigt die Forschung am deutlichsten Beeinträchtigungen der zentralen Exekutive, also der steuernden Instanz. Mehrschrittiges Rechnen verlangt, Zwischenergebnisse zu halten, während der nächste Schritt läuft. Bei 47 plus 28 muss der Übertrag im Kopf bleiben, während die Einer schon verrechnet werden. Geht das Zwischenergebnis verloren, bricht die ganze Rechnung zusammen. Der visuell-räumliche Notizblock kommt ergänzend hinzu, etwa beim Vorstellen von Mengen, beim Zahlenstrahl und bei der Stellenwertordnung. Bei Dyskalkulie ist also weniger eine einzelne Komponente betroffen als das Zusammenspiel, mit der zentralen Exekutive als deutlichstem Faktor.

Wichtig für die fachliche Einordnung: Ein schwaches Arbeitsgedächtnis ist nicht die alleinige Ursache von LRS. Es gehört aber zu den Faktoren, die die Schwierigkeiten verstärken können. Das zeigt sich auch daran, dass es Kinder mit LRS gibt, deren Arbeitsgedächtnis völlig unauffällig ist, und umgekehrt Kinder mit schwachem Arbeitsgedächtnis, die keine LRS haben. Beide Störungsbilder sind komplexer und haben eigene Entstehungswege. Das Arbeitsgedächtnis erklärt aber, warum so vieles im Alltag gleichzeitig schwerfällt und warum Kinder bei Aufgaben einbrechen, die mehrere Dinge auf einmal verlangen.

Kann man das Arbeitsgedächtnis trainieren?

Diese Frage liegt nahe. Wenn die begrenzte Kapazität so viel erklärt, müsste man sie doch vergrößern können. Genau das versprechen zahlreiche Trainingsprogramme und Apps. Der Blick in die Forschung lohnt sich hier, bevor man Zeit und Geld investiert.

Die Befundlage ist deutlich. Wer ein bestimmtes Merk- oder Trainingsspiel übt, wird in genau diesem Spiel besser. Diese Verbesserung bleibt aber im Spiel. Sie überträgt sich kaum auf das Lesen, Schreiben oder Rechnen, also auf genau die Bereiche, um die es eigentlich geht. Große Zusammenfassungen vieler Studien zeigen übereinstimmend: Der Übertrag auf schulische Leistungen bleibt aus, und selbst der Effekt im trainierten Spiel verblasst nach einiger Zeit wieder.

Für die Praxis heißt das: Ein reines Arbeitsgedächtnistraining ist kein zielführender Weg, wenn das Ziel besseres Lesen, Schreiben oder Rechnen ist.

Wirksame Hilfe bei einem schwachen Arbeitsgedächtnis setzt an einer anderen Stelle an. Die Kapazität selbst lässt sich kaum vergrößern. Was sich verändern lässt, ist die Menge, die das Arbeitsgedächtnis tragen muss. Und genau daran kannst du in jeder Förderstunde arbeiten.

Fragen und Antworten

Kann ich das Arbeitsgedächtnis bei Kindern mit LRS und Dyskalkulie gezielt trainieren?

Reines Arbeitsgedächtnistraining verbessert vor allem die geübte Aufgabe selbst, überträgt sich aber kaum auf Lesen, Schreiben oder Rechnen. Wirksamer ist es, das Arbeitsgedächtnis im Alltag zu entlasten, etwa durch Automatisierung, kleine Schritte und eine reizarme Lernumgebung.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Arbeitsgedächtnis und LRS und Dyskalkulie?

Ja, und er ist gut belegt. Bei LRS ist vor allem die phonologische Schleife betroffen, die Laute beim Lesen und Schreiben zwischenspeichert. Bei Dyskalkulie zeigt die Studienlage am deutlichsten Beeinträchtigungen der zentralen Exekutive, während der visuell-räumliche Notizblock beim Vorstellen von Mengen und Zahlenraum eine ergänzende Rolle spielt.

Welche Symptome deuten auf ein schwaches Arbeitsgedächtnis bei Dyskalkulie hin?

Typisch ist, dass mehrschrittige Aufgaben mittendrin abbrechen, das Kind beim Rechnen den Faden verliert und Zwischenergebnisse verloren gehen. Besonders mündlich gestellte Aufgaben sind dann schwer zu behalten.

Wo finde ich professionelle Hilfe für Arbeitsgedächtnisprobleme bei LRS?

Erste Anlaufstellen sind ausgebildete Lerntherapeut:innen sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen mit fundierter Diagnostik. Sie erkennen, welche Komponente belastet ist, und richten die Förderung gezielt darauf aus.

Was wirklich hilft: das Arbeitsgedächtnis entlasten

Wenn das Ziel ist, dem begrenzten Arbeitsgedächtnis Last abzunehmen, dann gibt es dafür einige wirksame Wege. Sie alle laufen auf dasselbe Prinzip hinaus: Je weniger der Schreibtisch gleichzeitig tragen muss, desto mehr Platz bleibt für das Eigentliche.

  • Automatisieren, was sich automatisieren lässt. Automatisiert werden kann erst, was vorher verstanden wurde. Ein Kind, das die Mengenbedeutung der Zahlen und das Prinzip der Zehnerzerlegung durchdrungen hat, kann die Kernaufgaben danach sicher abrufen. Ohne dieses Fundament bleibt Auswendiggelerntes brüchig und fällt unter Belastung wieder auseinander. Ist die Grundlage aber gelegt, gilt: Was sicher sitzt, belegt keinen Platz mehr auf dem Schreibtisch. Ein Kind, das die Buchstaben-Laut-Zuordnung sicher abruft, muss beim Schreiben nicht mehr überlegen, wie das /m/ aussieht, und hat den Kopf frei für die Lautfolge des Wortes. Beim Rechnen wirkt dasselbe Prinzip über die Kernaufgaben des Einmaleins oder die Zerlegung der Zehn.
  • In kleine Schritte zerlegen. Eine mehrteilige Aufgabe überfordert die wenigen Plätze sofort. Statt „Schreib den Satz von der Tafel ab“ hilft es, das Kind ein kurzes Wort einprägen und schreiben zu lassen, bevor das nächste folgt. Beim Rechnen wird ein mehrschrittiger Weg in einzelne, abgeschlossene Schritte unterteilt. Dasselbe gilt für Anweisungen: immer nur eine zur Zeit. Eine Kette wie „Nimm dein Heft raus, schlag Seite zwölf auf und schreib die Überschrift“ zerfällt im Kopf, bevor das Kind beim letzten Teil ankommt. Eine Anweisung, abwarten, dann die nächste.
  • Information zu Einheiten bündeln. Auf den ersten Blick wirkt das wie das Gegenteil des Zerlegens, doch beide Wege verfolgen dasselbe Ziel. Das Zerlegen setzt am Arbeitsprozess an und sorgt dafür, dass nie zu viel gleichzeitig anliegt. Das Bündeln, auch Chunking genannt, setzt am Wissen an: Mehrere Einzelteile, die sicher verstanden und gefestigt sind, verschmelzen zu einer Einheit, die nur noch einen einzigen Platz belegt. Wer das Wort „Postamt“ auf einen Blick als Ganzes erkennt, belegt damit einen Platz, nicht sieben für jeden Buchstaben. Beim Rechnen wirkt dasselbe über Zahlenchunks: Ist die Fünf als Zerlegung sicher verfügbar, also 3 und 2 ergeben 5, 5 ohne 2 sind 3, ruft das Kind das als eine Einheit ab, statt einzeln zu rechnen.
  • Vormachen und veranschaulichen. Ein durchgerechnetes Beispiel oder ein vorgeschriebenes Wort nimmt Last heraus, weil das Kind sich daran orientieren kann, statt alles gleichzeitig im Kopf zu halten. Eine Lauttabelle für das schreibende Kind oder das Hunderterfeld für das rechnende Kind verlagert Information nach außen und entlastet so den Kopf.
  • Auf Papier auslagern. Was aufgeschrieben oder skizziert ist, muss der Kopf nicht mehr halten. Eine kleine Wortliste am Rand, ein Notizfeld für den Übertrag beim schriftlichen Rechnen, eine sichtbare Schrittfolge neben der Aufgabe: Das ist ausgelagertes Arbeitsgedächtnis, das die Plätze auf dem Schreibtisch frei hält.
  • Für eine reizarme Umgebung sorgen. Das Arbeitsgedächtnis ist ständig in Gefahr, durch Ablenkung überschrieben zu werden. Jedes unnötige Geräusch und jeder unnötige Gegenstand am Tisch zieht Kapazität ab. Ein aufgeräumter Arbeitsplatz, nur das benötigte Material in Reichweite und eine ruhige Umgebung schützen die wenigen Plätze, die das Kind hat.

Diese Wege setzen bei den Bedingungen an, unter denen ein Kind arbeitet. Und das ist der Hebel, den du in der Förderung tatsächlich in der Hand hast.

Du möchtest Kinder mit LRS oder Dyskalkulie fundiert begleiten?

In der Legasthenietrainer-Ausbildung lernst du, das Lesen- und Schreibenlernen wirksam zu begleiten, in der Dyskalkulietrainer-Ausbildung die fundierte Förderung bei Rechenschwäche.

Fazit

Das Arbeitsgedächtnis hält Informationen kurzfristig fest und verarbeitet sie gleichzeitig. Seine Kapazität ist begrenzt, bei Kindern stärker als bei Erwachsenen. Bei LRS und Dyskalkulie wird diese Grenze besonders sichtbar, ohne dass ein schwaches Arbeitsgedächtnis die Ursache der Schwierigkeiten ist.

Für die Förderpraxis zählt vor allem eins: Die Kapazität lässt sich kaum vergrößern, die Last darauf aber deutlich senken. Verstehen vor Automatisieren, kleine Schritte, Chunking, Veranschaulichung, Auslagern und eine reizarme Umgebung sind die wirksamen Hebel.

Petra Rodenberg

Petra Rodenberg

Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin (M.A.), Lifecoach und Heilpraktikerin. Seit über 15 Jahren begleite ich Kinder mit Lern- und Rechenschwierigkeiten und bilde Lerncoaches sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen aus. Ich bin überzeugt: Ein gut informierter Erwachsener kann das Leben eines betroffenen Kindes grundlegend verändern. Deshalb blogge ich seit fast zehn Jahren und halte Vorträge, um mein Wissen weiterzugeben und Mut zu machen.

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