Das Ritual der Zeugnisse ist unvermeidbar, wir alle erleben es zweimal jährlich. Dass schlechte Noten kein Anlass zum Schimpfen sind, können wir in jedem Erziehungsratgeber nachlesen. Was wir aber besser machen können, finden wir dort selten. Aber auch bei guten Noten sollten wir als Eltern unsere Reaktionen abwägen. Warum das denn, werden sich jetzt viele Leser fragen. Es hat viel mit Bewertung zu tun. Aber dazu später mehr. Widmen wir uns zuerst den schlechten Noten, was sie für Schüler bedeuten und wie wir als Eltern am besten damit umgehen.

Schlechte Noten – was tun?

Schimpfen, Handyverbot, ignorieren oder in den Ferien lernen? Was ist die beste Strategie? Ich möchte Dich zu einem Blickwechsel einladen. Betrachten wir Noten und Zeugnisse abgelöst von ihrer aktuellen Situation. Sie sind ein Mittel der Einteilung und Bewertung, das sich seit Einführung der Schulpflicht Ende des 19. Jahrhunderts in seiner Zielsetzung nicht großartig verändert hat. Noten und Bewertungen teilen ein. Es gibt gute und schlechte Schüler. Die guten Schüler belegen wir häufig mit den Eigenschaften fleißig, schlau und erfolgreich. Die schlechten Schüler haben eher den Ruf faul, wenig erfolgreich oder aber auch dumm zu sein.

Was lösen solche Zuschreibungen aus?

Warst Du ein schlechter Schüler? Hattest Du auch mal schlechte Noten? Wie hat sich das angefühlt? Oder hast Du immer in der Oberliga mitgespielt und musstest Dich dafür nicht mal so sehr anstrengen? Dann überleg Dir bitte eine Situation, in der Du nicht so gut warst und in der man Dir quasi gesagt hat, dass Du nicht gut genug bist. Denn nichts anderes ist eine schlechte Note. Sie enthält die Aussage: „Du bist nicht gut genug!“ Das fühlt sich für ein Kind immer mies an. Egal ob es mehr hätte lernen können oder ob es sogar viel geübt hat und trotzdem schlechte Noten hatte. Das ist uns ja soweit auch ganz klar.

Warum reagieren wir trotzdem enttäuscht oder verärgert?

Weil wir in der Regel gar nicht anders reagieren können! Wir sind es gewohnt in gut und schlecht, oben und unten, wertvoll und weniger wertvoll, einzuteilen. Unsere Gesellschaft und unser Schulsystem funktionieren nun mal so. Wir sind sozusagen konditioniert, die in unseren Augen bessere Alternative zu suchen. Das mag im Job vielleicht ganz in Ordnung sein, in einem Umfeld, in dem Kinder die Freude am Lernen entdecken und behalten sollen, ist das jedoch kontraproduktiv. Durch ständige Bewertungen wird Lernfreude in der Regel zerstört.

Ein Beispiel

Stell Dir vor, Du entschließt Dich Schwedisch zu lernen, weil Du das immer schon wolltest. In Deinem Kurs werden alle 3 Wochen Tests geschrieben und Du hast immer schlechte Noten. 90% aller Menschen würden den Kurs nicht weitermachen. Der Rest würde entweder mit harter Arbeit versuchen besser zu werden und nur ein ganz kleiner Prozentsatz würde sagen: Ich lerne das ja aus Freude an der Sprache, da macht mir die Bewertung nichts aus. Jetzt weißt Du auch, warum die meisten freiwilligen Bildungsangebote auf eine Bewertung verzichten.

Parteiische Noten

Noten sind nicht gerecht und das wird von den Kindern auch erkannt. Viele Lehrer versuchen mit Schemata die Leistung der Schüler messbar zu machen. Das gelingt in den wenigsten Fällen. Auch berücksichtigen Noten in der Regel nicht die Anstrengung eines Schülers. Es werden nur die Fakten berücksichtigt. Besonders Kinder, die Schreib-, Lese-  oder Rechenprobleme haben, finden ihre Anstrengungen oft nicht in den Noten widergespiegelt. Das lässt die Motivation am Problem zu arbeiten nicht steigen. Auch wenn ich mir wünschen würde, dass die Schule umdenkt und Noten abgeschafft werden, wird dies leider so schnell nicht passieren. Daher müssen wir unseren Kindern helfen damit umzugehen.

Ein kurzer Dialog unter Eheleuten

Miriam etwas genervt: „Die Lasagne ist heute etwas dunkel. Es kamen tausend Sachen auf einmal und dann ist es mir zu spät eingefallen. So ein Mist!“
Jonas: „Stimmt, sie ist etwas dunkel, aber sie schmeckt ja fast wie immer, war anscheinend etwas lange im Ofen. Wahrscheinlich warst Du abgelenkt, da Du gerade am Handy zu tun hattest. Nicht, dass es mir etwas ausmachen würde, aber anders schmeckt sie mir noch besser.“
Miriam, innerlich aufgebracht: „Schließlich musste ich nebenher . . . ?“
Ich lasse die Antwort hier mal offen. Aber Du kannst Dir sicher denken was passiert. Miriam ist sauer und beginnt sich zu rechtfertigen.

Ein Dialog zwischen Mutter und Kind

Luca: „Die Frau Müller ist so bl…, die hat mir eine Fünf im Mündlichen und in der Heftführung gegeben! So schlechte Noten habe ich nicht verdient.“
Mutter: „Nun schieb die Schuld mal nicht auf die Lehrerin. Du hast wahrscheinlich nicht genug geübt, warst mit dem Handy beschäftigt und hast wieder nicht ordentlich geschrieben.“
Auch hier können wir uns vorstellen was passiert. Die Bewertung, die die Lehrerin in Form von schlechten Noten gibt, wird von der Mutter aufgegriffen und nochmal bewertet. Was das Kind in einen Rechtfertigungsmodus bringt.

Schlechte Noten – eine andere Reaktionsmöglichkeit!

Gehen wir auf das obige Beispiel zurück. Die Mutter könnte antworten: „Du ärgerst Dich über Frau Müllers Notengebung.“ In der Regel wird Luca dann noch mal so richtig Dampf ablassen: „Die ist total ungerecht! Immer werde ich schlecht bewertet, nur weil . . . “ Hier wäre nun völlig ausreichend, wenn die Mutter mit „ja“ und „verstehe“ antwortet. Kinder kommen dann irgendwann schon selber darauf zu erkennen, wo das Problem liegt. Lucas Monolog könnte dann sehr wohl mit einem „Naja, ich könnte das Heft schon etwas ordentlicher machen“ enden. Diese Einsicht kann jedoch nur kommen, wenn wir unseren Kindern die Chance dazu geben und sie nicht durch ein weiteres Bewerten unsererseits in die Rechtfertigungsschleife schicken. Wenn Du mehr über diese Art der Unterhaltung erfahren willst, folge diesem  Link.

Gute Noten – was tun?

Hier sollte es doch ganz einfach sein oder was denkst Du? Gute Noten verdienen Lob oder auch eine kleine Belohnung. Was soll verkehrt daran sein, eine Eins auch mal mit 10 € zu belohnen? Mir fiel es anfangs auch schwer nachzuvollziehen, warum das nicht unbedingt der beste Weg ist. Lob tut uns doch allen gut. Aber Lob ist auch eine Form von Bewertung. In der Regel tun wir hier kund, dass wir uns über das gute Ergebnis freuen und dass das Kind unseren Erwartungen entsprochen hat.

Zwei kurze Geschichten

Beispiel eins

Eine meiner Schülerinnen hatte den Anspruch an sich selber, eine Eins in der nächsten Klassenarbeit zu schreiben. Ein durchaus löbliches Vorhaben. Dazu muss man erwähnen, dass sie zur Zeit aufgrund verschiedener Probleme gerade noch eine Vier hatte und dass eine Drei für diese Schülerin eine Superleistung gewesen wäre. Aber für die Eins gab es zu Hause 10 € und besonders viel Lob. Es kam wie es kommen musste. Die Schülerin schrieb eine drei, war völlig frustriert und demotiviert, da sie den Sinn im Lernen nicht mehr sah. Sie brauchte dann lange, bis sie sich von dem Rückschlag erholt hatte.

Beispiel zwei

Ein anderer Schüler, der in Mathe immer sehr gut war, schrieb eines Tages eine Vier. Obwohl er immer gute Noten hatte und viel gelobt wurde, nagte die Vier ganz furchtbar an ihm. Die Eltern versicherten ihm, dass es nicht schlimm sei und dass das jedem mal passieren könne und es beim nächsten Mal schon wieder besser würde. Der Schüler wusste aus der vorherigen Erfahrung, dass eine gute Note das gewünschte Ergebnis widerspiegelt.

Fazit

Wie soll ich denn nun reagieren, fragst Du mich nun zu Recht. Freu Dich mit Deinem Kind und nicht über die Note. „Toll, ich sehe wie Du Dich freust“ oder auch „Du strahlst ja richtig, ich sehe, dass Du Dich freust“. Mit diesen Antworten nimmst Du Anteil an der Freude Deines Kindes, aber Du bewertest es nicht. Du lässt Deinem Kind seine Freude. Du bürdest ihm aber im Fall einer schlechten Note nicht das Gefühl auf, für Deine Enttäuschung verantwortlich zu sein.
In diesem Sinnes wünsche ich Euch schöne Ferien nach den Zeugnissen und eine entspannte Zeit. Egal, ob es gute oder schlechte Noten gab, genieß die Zeit mit Deinem Kind. Sie kommt nicht zurück. Daher möchte ich mit einem Zitat aus China enden:
„Die Arbeit läuft Dir nicht davon, wenn Du Deinem Kind den Regenbogen zeigst. Aber der Regenbogen wartet nicht, bist Du mit der Arbeit fertig bist.“

Noch mehr Infos, wie Du Kinder beim Lernen unterstützen kannst, findest Du im kostenfreien Videokurs „Einführung ins Lerncoaching“:

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