Didaktische Agenten: Was KI in der Lerntherapie verändert

Lerntherapeutin und Kind am Tisch klatschen sich ab, vor ihnen liegen Hefte und Bücher

Aktualisiert am 22. Oktober 2026

KI ist in der Lerntherapie angekommen. Viele Lernbegleiterinnen und Lerntherapeutinnen probieren sie aus, und viele haben dabei das Gefühl, im KI-Dschungel allein zu stehen. Sie fragen sich, wo sie anfangen sollen und worauf sie sich verlassen können.

Eine Antwort darauf sind didaktische Agenten. Den Begriff verwenden Forschende der Universität Siegen im Projekt KIMADU. Gemeint ist eine feste Anleitung, mit der eine KI eine bestimmte Lernaufgabe übernimmt.

Auf einen Blick: Didaktische Agenten in der Lerntherapie

  • Ein didaktischer Agent ist eine fest hinterlegte Anleitung, mit der eine KI eine bestimmte Lernaufgabe übernimmt.
  • Didaktische Agenten begleiten das Kind beim Lernen. Organisatorische KI-Agenten nehmen dir Arbeit wie Auswertung, Förderziel und Förderplan ab.
  • Anders als ein offener Chat gibt der Agent dem Kind keine fertige Lösung. Er führt es mit Fragen zum eigenen Ergebnis.
  • Didaktische Agenten eignen sich für häusliche Übungen und für die Förderung beim Schreiben und Lesen.
  • In die Anleitung eines didaktischen Agenten gehören sieben Bausteine. Besonders wichtig sind die Teilschritte, die das Kind in kleinen Schritten durch die Aufgabe führen.
Inhaltsverzeichnis
  1. Offener Chat oder didaktischer Agent
  2. Agenten für Organisation und Diagnostik
  3. Agenten fürs Kind: der Lernpartner
  4. Einsatzgebiete didaktischer Agenten
  5. Was einen guten didaktischen Agenten ausmacht
  6. Wie du im KI-Dschungel starten kannst
  7. Häufige Fragen
  8. Fazit

Offener Chat oder didaktischer Agent

Im offenen Chat tippst du ein, was du willst, und die KI antwortet auf alles. Für schnelle Fragen ist das praktisch. In der Lernförderung hat es zwei Haken.

Der erste betrifft dich. Du erklärst jedes Mal neu, was du brauchst: für welches Kind, in welcher Form, auf welchem Niveau. Das Ergebnis hängt an deiner Frage, und morgen sieht es wieder anders aus.

Der zweite betrifft das Kind. Stell dir vor, ein Kind aus der dritten Klasse soll eine Bildergeschichte schreiben und tippt: „Schreib mir eine Geschichte zu dem Bild.“ Der offene Chat liefert sofort eine fertige Geschichte, fehlerfrei und mit schönem Schluss. Das Kind hat jetzt einen Text. Gelernt hat es nichts.

Ein didaktischer Agent arbeitet anders. Im Hintergrund liegt eine feste Anleitung für genau eine Aufgabe, und er arbeitet jedes Mal gleich. Auf dieselbe Bitte antwortet er zum Beispiel: „Super, dass du loslegst! Was siehst du auf dem ersten Bild? Erzähl es mir in einem Satz.“ Das Kind schreibt selbst, Satz für Satz.

Offener Chat und didaktischer Agent im Vergleich
Offener ChatDidaktischer Agent
Was du eingibstjedes Mal neue Anweisungeneine Anleitung, einmal hinterlegt
Was die KI tutantwortet auf allesbleibt bei einer Aufgabe
Was das Kind bekommtdie fertige LösungFragen, die es weiterbringen
Wer denktdie KIdas Kind

Für so einen Agenten brauchst du keine Technik. In Claude reicht zum Beispiel ein Projekt, in dem die Anleitung hinterlegt ist.

Kurz gesagt: Der offene Chat macht die Arbeit. Der Agent bringt das Kind zum Arbeiten.

Agenten für Organisation und Diagnostik

Neben der Förderarbeit mit dem Kind hast du in der Lerntherapie jede Menge organisatorische Aufgaben zu erledigen. Du wertest Tests aus, planst die Förderung, schreibst Elternbriefe und dokumentierst. Genau hier nehmen dir organisatorische KI-Agenten viel ab.

Auswertung: Ein Agent wertet zum Beispiel eine Rechtschreibprobe aus. Er ordnet die Fehler und zeigt, wo das Kind gerade steht.

Förderziel: Aus der Lernstandsanalyse formuliert ein Agent das nächste Förderziel, klein, konkret und überprüfbar.

Förderplan: Ein weiterer Agent macht daraus einen Förderplan mit passenden Übungen.

Alles drumherum: Auch bei Elternbriefen, Material und Dokumentation spart ein gut eingerichteter Agent Zeit.

Der Agent liefert einen Entwurf. Du prüfst ihn und entscheidest. Wie ein gutes Förderziel aussieht, liest du im Artikel Diese 3 Stolpersteine solltest du bei der Förderplanung vermeiden.

FörderNetzwerk Lernen

Fertige Agenten für Auswertung, Förderziel und Förderplan findest du im FörderNetzwerk Lernen. Dort tauschst du dich mit Kolleginnen aus, die mit denselben Fragen arbeiten. Mehr zum FörderNetzwerk Lernen

Agenten fürs Kind: der Lernpartner

Ein guter Agent nimmt dem Kind das Lernen nicht ab. Er führt es durch die Aufgabe und lässt es selbst denken.

Ich habe für das FörderNetzwerk Lernen so einen Agenten gebaut: Leo, den Lernpartner für Bildergeschichten. Leo ist für Kinder eingerichtet, die mit dem Lesen und Schreiben kämpfen und schwer ins Schreiben kommen. Er stellt immer nur eine kleine Frage, zum Beispiel „Wie hat er sich gefühlt?“ oder „Was passierte dann?“. Er schreibt dem Kind keinen Satz vor. Rechtschreibfehler zeigt er erst am Ende, und nur, wenn das Kind das möchte. Zuerst soll das Kind ins Schreiben kommen und Mut fassen.

Besonders profitieren Kinder, denen es schwerfällt, sich auszudrücken, von einem Agenten, der beim Schreiben unterstützt. Bei einer offenen Aufforderung wissen sie oft nicht, wo sie anfangen sollen. Gezielte Fragen helfen ihnen weiter, und so entsteht Schritt für Schritt ihr eigener Text.

Die KI wird zum Lernpartner: Sie denkt mit, und das Kind entwickelt seine eigenen Ideen.

Einsatzgebiete didaktischer Agenten

Didaktische Agenten helfen überall dort, wo das Kind übt und dabei Begleitung braucht. Zwei Bereiche eignen sich besonders.

Häusliche Übungen: Mit einem Agenten erstellst du zügig Hausübungen, die zu einem bestimmten Kind passen, zu seinem Lernstand und zu seinem Förderziel. So übt das Kind zu Hause genau das, woran du mit ihm in der Stunde arbeitest.

Schreiben und Lesen: Beim Schreiben begleitet ein Agent wie Leo das Kind zum eigenen Text.

Beim Lesen eignet sich das Tandemlesen. Dabei liest das Kind einen Text gemeinsam mit einer Lesepartnerin laut. Diese Rolle kann ein Agent übernehmen, und das Kind übt damit zu Hause:

  • Du wählst die passenden Tandemtexte aus, stellst alles ein und teilst die Texte für die Woche per Link mit dem Kind.
  • Der Text erscheint groß am Bildschirm und ist mit einer guten Vorlesestimme hinterlegt.
  • Das Kind stellt die Geschwindigkeit selbst ein.
  • Das Wort, das das Kind gerade liest, ist gelb hinterlegt.

Was einen guten didaktischen Agenten ausmacht

Für einzelne Prompts im Chat gibt es Promptformeln. Mit ihnen gibst du der KI in einer Nachricht alles mit, was sie für eine Aufgabe braucht. Ein didaktischer Agent führt dagegen ein ganzes Gespräch mit dem Kind, über viele Nachrichten hinweg. Deshalb braucht seine Anleitung eine eigene Formel.

Infografik: Rolle, Aufgabe, Hintergrundwissen, Teilschritte, Einschränkungen, Format und Beispiel als Bausteine der Anleitung eines didaktischen KI-Agenten

In die Anleitung eines didaktischen Agenten gehören sieben Bausteine:

  • Rolle: Wie tritt der Agent auf, zum Beispiel geduldig und ermutigend?
  • Aufgabe: Was soll er mit dem Kind erarbeiten?
  • Hintergrundwissen: Was muss er über das Kind wissen, zum Beispiel über Lernstand und Förderziel, und was über das Thema?
  • Teilschritte: In welcher Reihenfolge führt er das Kind durch die Aufgabe?
  • Einschränkungen: Was darf er auf keinen Fall tun, zum Beispiel die Lösung vorsagen?
  • Format: Wie antwortet er, zum Beispiel in kurzen Sätzen mit einfachen Wörtern und einer Frage pro Nachricht?
  • Beispiel: Wie sieht eine gute Antwort an das Kind aus?

Im Vergleich zu den Promptformeln kommen vor allem die Teilschritte dazu. An Leo siehst du, warum sie so wichtig sind. Fehlt eine feste Reihenfolge, springt die KI gern zum Ergebnis: Sie liefert auf eine Bitte die ganze Geschichte oder korrigiert alle Fehler auf einmal.

Leos Anleitung legt deshalb die Reihenfolge fest. Erst kommt das Kind ins Schreiben, Frage für Frage und Satz für Satz. Die Rechtschreibung ist erst am Ende dran, und nur, wenn das Kind das möchte. So bleibt jeder Schritt klein genug, dass das Kind ihn selbst schafft.

Für jeden dieser Bausteine brauchst du dein Wissen über das Kind und über das Lernen. Jede KI ist nur so gut wie unsere Kompetenz, und ein Agent ist genau so gut wie die Expertise, die in seiner Anleitung steckt.

Wie du im KI-Dschungel starten kannst

Eine Möglichkeit einzusteigen ist das FörderNetzwerk Lernen. So funktioniert der Einstieg bei uns:

  • Eine Einstiegsreihe zeigt dir Schritt für Schritt, wie du mit KI arbeitest.
  • Fertige Agenten wie Leo kannst du sofort nutzen.
  • In den KI-Runden baust du live und gemeinsam mit anderen.
  • Deine Fragen zu KI klärst du im Austausch mit Kolleginnen, und wenn sich die KI verändert, bleibst du auf dem Laufenden.

Mehr zum FörderNetzwerk Lernen

Häufige Fragen

Was ist ein didaktischer Agent?

Ein didaktischer Agent ist eine fest hinterlegte Anleitung, mit der eine KI eine bestimmte Lernaufgabe übernimmt. Er arbeitet mit dem Kind und folgt dabei deinen didaktischen Regeln. Agenten, die dir organisatorische Arbeit abnehmen, heißen organisatorische KI-Agenten.

Brauche ich Programmierkenntnisse?

Programmierkenntnisse brauchst du nicht. Die Anleitung schreibst du in normalem Deutsch. In Claude legst du sie zum Beispiel in einem Projekt ab.

Kann ich mich auf die Ergebnisse der KI verlassen?

Ein Agent liefert einen Entwurf, die Entscheidung triffst du. Je genauer seine Anleitung ist und je gründlicher du ihn testest, desto verlässlicher arbeitet er.

Wo fange ich an?

Fang mit einer Aufgabe an, die dir oft begegnet, zum Beispiel mit dem Formulieren von Förderzielen. Läuft der Agent dafür gut, kommt der nächste dazu.

Ersetzt KI die Lerntherapeutin?

Die KI übernimmt Routinearbeit und kann das Kind beim Üben begleiten. Was das Kind braucht, welches Ziel als Nächstes dran ist und wie die Beziehung gelingt, entscheidest du.

Schadet KI den Kindern beim Lernen?

Ein offener Chat kann schaden, wenn das Kind ihm die Aufgabe überlässt. Ein didaktischer Agent ist dafür gebaut, genau das zu verhindern: Er fragt nach, statt die Lösung zu liefern, und das Kind denkt selbst.

Fazit

KI wird die Lerntherapie nachhaltig verändern. Wie weit das gehen wird, können wir heute noch gar nicht absehen.

Aktuell können wir KI in Form von didaktischen Agenten nutzen, die das Kind beim Lernen begleiten. Dazu kommen organisatorische KI-Agenten, die uns Overhead-Arbeit abnehmen und Zeit freischaufeln: für die Arbeit mit dem Kind oder für andere Aufgaben.

Quelle: Corvacho del Toro, I., Fuhlrott, M. & Steinhoff, T. (2025). Didaktische Agenten. KI als Lehr-/Lernpartnerin im Deutschunterricht im Forschungsprojekt KIMADU. In H.-G. Müller & M. Fürstenberg (Hrsg.), DeutschGPT – Deutschunterricht im Dialog mit Künstlicher Intelligenz (S. 65–85). Berlin: Frank & Timme.

Petra Rodenberg

Petra Rodenberg

Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin (M.A.), Lifecoach und Heilpraktikerin. Seit über 15 Jahren begleite ich Kinder mit Lern- und Rechenschwierigkeiten und bilde Lerncoaches sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen aus. Ich bin überzeugt: Ein gut informierter Erwachsener kann das Leben eines betroffenen Kindes grundlegend verändern. Deshalb blogge ich seit fast zehn Jahren und halte Vorträge, um mein Wissen weiterzugeben und Mut zu machen.

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