Aktualisiert am 8. Juli 2026
Über Methoden wird in der LRS-Förderung viel gesprochen. Ein Faktor kommt dabei oft zu kurz, obwohl er über Motivation und Dranbleiben entscheidet. Es geht um das Erfolgserlebnis des Kindes.
Auf einen Blick: Erfolg in der LRS-Förderung
- Kinder mit LRS brauchen Erfolgserlebnisse, denn Erfolg trägt Motivation und Selbstwert.
- Wirksame Förderung beginnt mit einer Förderdiagnostik und setzt genau dort an, wo das Kind steht.
- Sie arbeitet direkt am Lesen und Schreiben, geht in machbaren Schritten voran und macht jeden Fortschritt sichtbar.
- Auch die Haltung der Erwachsenen wirkt, denn was ein Kind zugetraut bekommt, beeinflusst, was es erreicht.
Inhaltsverzeichnis
Kinder mit LRS brauchen Erfolgserlebnisse
Kinder mit Legasthenie und Dyskalkulie brauchen Erfolgserlebnisse. Im Schulalltag sammeln sie stattdessen häufig Misserfolge. Das nagt am Selbstwert, und irgendwann geht auch die Motivation flöten. Genau deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wie Erfolg entsteht und was er auslöst.
Warum Erfolg so viel bewirkt
Stell dir vor, du willst ein Instrument spielen lernen. Du probierst dich an der Geige und am Klavier. Bei der Geige merkst du schnell, du triffst den Ton nicht, alles dauert ewig und du kommst nicht voran. Am E-Piano dagegen bekommst du recht zügig etwas hin. Du hast Erfolg und siehst, es geht voran. Wahrscheinlich bleibst du beim E-Piano deutlich sicherer dabei.
Genauso ist es beim Spazierengehen, beim Sport oder sonst wo. Wo wir Erfolg haben, kommen wir weiter und haben mehr Freude an der Sache.
Bei der Rechtschreibung erleben Kinder häufig etwas anderes. Kinder, die damit Schwierigkeiten haben, sind jeden Tag damit konfrontiert. Wenn sie immer wieder erleben, dass sie nicht vorankommen, dass sie Fehler machen und dass an ihnen herumkritisiert wird, trauen sie sich irgendwann nichts mehr zu.
Erleben sie dagegen, dass die Dinge vorangehen, ist ihr Grundbedürfnis nach Kompetenz erfüllt. Menschen wollen sich als wirksam erleben. Ein Kind, das spürt, dass es vorankommt, entwickelt Zutrauen in sich und seine Fähigkeiten. Und dieses Zutrauen weckt die Bereitschaft, sich weiter anzustrengen. So entsteht ein sogenannter Engelskreis.
Kompetenzerleben ist deshalb eine Ressource, die über den Erfolg mitentscheidet. Ein Kind, das an sich glaubt, bleibt dran. Ein Kind, das nur Misserfolge sammelt und seine Fortschritte nicht sieht, ist schneller demotiviert und verzweifelt.
Jetzt stell dir kurz vor, du bist neun Jahre alt. Du gibst dir Mühe, und am Ende ist das Blatt trotzdem wieder voller roter Striche. Wie lange setzt du dich da noch freiwillig hin? Genau diese Erfahrung aus der Schule müssen wir in der Lerntherapie auffangen.
Wenn du dich jetzt fragst, wie, dann teile ich einen Satz mit dir, den mir meine erste Lehrerin zum Thema LRS mit auf den Weg gegeben hat:
„Sie müssen dem Kind Erfolg organisieren!“
Jeder, der bei mir eine Ausbildung oder ein Webinar besucht hat, hat ihn sicher schon von mir gehört.
Wie organisiert man Erfolg?
Der erste Schritt: herausfinden, wo das Kind steht
Der allererste Schritt ist immer der gleiche. Du musst herausfinden, wo das Kind steht, und zwar auf den Punkt genau. Deshalb beginnt jede erfolgreiche Förderung mit einer guten Förderdiagnostik. Erst wenn dieser Punkt klar ist, kann zielführend geübt werden. Das heißt, du kannst Übungen stellen, die für das Kind eine leichte Herausforderung sind, die es mit seinem Können aber bewältigen kann und an denen es wächst.
Die S3-Leitlinie zur Lese-Rechtschreibstörung (die offizielle medizinische Behandlungsleitlinie für LRS) ist da ziemlich deutlich:
- Gute Förderung ist symptomspezifisch und setzt direkt am Lesen und Schreiben an.
- Einfacher gesagt, ein Kind wird besser im Lesen und Schreiben, indem es Lesen und Schreiben übt.
- Strukturiert, an der richtigen Stelle, in Schritten, die es schaffen kann.
Klingt selbstverständlich, geht im Schulalltag aber schnell unter. Es ist wie beim Hausbau. Ohne Fundament wird das nichts.
Was dauerhaften Fortschritt und eine gute Entwicklung möglich macht, lässt sich so zusammenfassen:
Was dauerhaften Fortschritt ermöglicht
- Die Förderung setzt direkt am Lesen und Schreiben an.
- Sie beginnt genau dort, wo das Kind gerade in seiner Entwicklung steht.
- Sie geht in machbaren Schritten voran, an denen das Kind wachsen kann.
- Sie benennt Grenzen offen und ehrlich.
- Sie macht jeden Fortschritt für das Kind sichtbar.
Der letzte Punkt wird häufig unterschätzt. Kinder merken ihren Fortschritt oft nicht von allein. Es ist deine Aufgabe, ihn sichtbar zu machen: „Schau mal, vor vier Wochen war dieses Wort noch schwer für dich. Heute schreibst du es sicher.“
Das gelingt auch über die Schule. Ich habe zum Beispiel schon mit Lehrkräften vereinbart, dass sie besonders darauf achten, woran das Kind gerade in der Förderung arbeitet. Das kann der doppelte Mitlaut sein oder die Großschreibung der Nomen. In den handschriftlichen Arbeiten schauen sie dann bewusst, ob das Geübte auch in der Schule ankommt und machen das Kind darauf aufmerksam: „Guck mal, das ist doch gerade dein Thema, und hier hast du fast alles richtig gemacht.“ Auch das kann sehr helfen.
Das Kind mit ins Boot holen
Zu einer guten Lernbeziehung gehört, dass das Kind immer beteiligt ist. Wenn wir genau wissen, wo es steht, können wir ihm erklären, welchen Schritt wir als Nächstes gehen und wie wir ihn gemeinsam angehen wollen.
Und wenn wir diesen Schritt geschafft haben, feiern wir den Erfolg zusammen. Ihn sichtbar zu machen ist gut, gemeinsam zu feiern ist noch besser. So fühlt sich das Kind gesehen und geht den Weg mit uns.
Ein weiterer Hebel: die Haltung der Erwachsenen
Jetzt kommt ein Hebel, über den noch seltener gesprochen wird: die Erwartung der Erwachsenen. Das ist fast schon Magie, auch wenn wir nicht in Hogwarts sind. Der Mindset, den Erwachsene mitbringen, beeinflusst, wie sie mit dem Kind umgehen. Und dieser Umgang wirkt sich wiederum auf das Kind aus. Die Forschung nennt das den Pygmalion-Effekt.
Was eine Bezugsperson einem Kind zutraut, beeinflusst, was das Kind erreicht. Wer einem Kind mehr zutraut, gibt ihm mehr Zeit zum Nachdenken, mutet ihm mehr zu und gibt hilfreicheres Feedback. Kinder spüren diesen Unterschied. Sie merken ihn im Tonfall, in der Geduld und in der Art, wie du auf einen Fehler reagierst.
Diese Haltung lässt sich in vier Sätzen zusammenfassen:
- Das Kind kann lernen.
- Fehler gehören dazu.
- Wir beginnen dort, wo das Kind steht.
- Fortschritt muss sichtbar sein.
Fachwissen liefert die passende Methode. Haltung sorgt dafür, dass sie beim Kind ankommt. Beides zusammen ist ein starkes Team. Und das gilt für uns in der Lernbegleitung genauso wie für alle anderen, die mit dem Kind zu tun haben.
Mehr über Haltung und Grundbedürfnisse
Wenn du tiefer einsteigen willst, findest du beides in meinem Buch „Bedürfnisorientierte Lernbegleitung“. Dort zeige ich, welche Rolle die Grundbedürfnisse für gelingende Lernbeziehungen spielen. Hier geht es zum Buch.
Häufige Fragen
Warum brauchen Kinder mit LRS Erfolgserlebnisse?
Weil Erfolg ein Wirkfaktor ist. Erlebt ein Kind, dass es vorankommt, wächst sein Zutrauen und mit dem Zutrauen die Motivation, dranzubleiben. Ständige Misserfolge nagen dagegen am Selbstwert.
Wie organisiert man Erfolg in der LRS-Förderung?
Indem man zuerst mit einer Förderdiagnostik herausfindet, wo das Kind steht, und dann Übungen stellt, die es mit etwas Anstrengung schafft. Wichtig ist, jeden Fortschritt sichtbar zu machen.
Was sagt die S3-Leitlinie zur LRS-Förderung?
Die S3-Leitlinie empfiehlt eine symptomspezifische Förderung, die direkt am Lesen und Schreiben ansetzt und in machbaren Schritten am aktuellen Lernstand des Kindes arbeitet.
Welche Rolle spielt die Haltung der Erwachsenen?
Eine große. Was eine Bezugsperson einem Kind zutraut, beeinflusst über Zeit, Feedback und Anforderung, was das Kind erreicht. Diesen Pygmalion-Effekt spüren Kinder deutlich.
Fazit
Das richtige Fachwissen, kombiniert mit der passenden Haltung, macht LRS-Förderung wirksam. Ich erlebe das immer wieder im FörderNetzwerk Lernen. Wenn wir selbst mehr über das Thema wissen und dabei unsere eigenen Bedürfnisse im Blick behalten, können wir besser für die Kinder da sein.
Denn jeder erlebte Erfolg stärkt das Kind, sein Zutrauen und seinen Selbstwert.
Petra Rodenberg
Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin (M.A.), Lifecoach und Heilpraktikerin. Seit über 15 Jahren begleite ich Kinder mit Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwierigkeiten und bilde Lerncoaches sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen aus. Ich bin überzeugt: Ein gut informierter Erwachsener kann das Leben eines betroffenen Kindes grundlegend verändern. Deshalb blogge ich seit fast zehn Jahren und halte Vorträge, um mein Wissen weiterzugeben und Mut zu machen.