Aktualisiert am 8. Oktober 2026
Nomen schreibt man groß.
Viele der Kinder, die ich begleitet habe, konnten diesen Satz auswendig. Sie haben ihn mir aufgesagt, und zwei Minuten später standen tisch, ärger und himmel wieder klein im Heft.
Viele Lernbegleiterinnen und Lerntherapeutinnen verzweifeln an dieser Stelle. Um dieses Problem geht es hier, und darum, was wir tun können, um es zu lösen. Voraussetzung ist, dass du die Regel mit dem Kind erarbeitet hast.
Kurz gesagt
Kinder, die die Regel kennen und trotzdem klein schreiben, haben ihr Wissen noch nicht mit dem Schreiben verknüpft. Sie brauchen Übungen, in denen sie bei jedem einzelnen Wort entscheiden: groß oder klein. Vier Übungen trainieren diese Entscheidung mit wenig Schreibaufwand. Damit sie zur Gewohnheit wird, bleibt das Thema über einen längeren Zeitraum im Fokus, mindestens zwei bis drei Monate, mit einem festen zweiten Korrekturdurchgang nach jedem Text und einem Anker vor jedem Diktat.
Inhaltsverzeichnis
- Warum schreiben Kinder Nomen klein, obwohl sie die Regel kennen?
- Groß oder klein ist eine Entscheidung bei jedem Wort
- Welche Übungen helfen bei der Groß- und Kleinschreibung?
- Was ist der zweite Korrekturdurchgang?
- Dranbleiben: das Thema über einen längeren Zeitraum im Fokus halten
- Zum Ausprobieren: der Groß-Klein-Trainer
- Fragen und Antworten
- Fazit
Warum schreiben Kinder Nomen klein, obwohl sie die Regel kennen?
Gib dem Kind ein Arbeitsblatt zur Groß- und Kleinschreibung, und es macht kaum Fehler. Im nächsten Aufsatz stehen wieder zehn Nomen klein da.
Das ärgert uns, und es zeigt zugleich, wo es hakt. Die Regel ist da. Sie wird im Moment des Schreibens nur nicht angewandt, weil das Wissen noch nicht mit der Schreibhandlung verknüpft ist. Mit Erklären allein kommen wir hier auf keinen grünen Zweig.
Groß oder klein ist eine Entscheidung bei jedem Wort
Der Schlüssel liegt für mich darin, dass das Kind am Anfang jedes Wortes eine Entscheidung trifft: Nomen oder nicht Nomen? Satzanfang oder nicht Satzanfang?
Dir und mir wird diese Entscheidung gar nicht mehr bewusst, wir treffen sie in Sekundenschnelle. Erst bei einer Ausnahme denken wir nach oder greifen zum Wörterbuch. Ein Kind, das noch nicht so weit ist, muss sie erst einmal bewusst treffen, Wort für Wort.
Welche Übungen helfen bei der Groß- und Kleinschreibung?
Die gute Nachricht: Das Kind muss dafür nicht viel schreiben. Die Entscheidung lässt sich mit ganz wenig Schreibaufwand üben.
Die Daumenprobe. Bei der Daumenprobe zeigt das Kind bei jedem vorgelesenen Wort mit dem Daumen an, ob es groß oder klein geschrieben wird. Diese Übung stammt aus meinem Studium, und ich bin meiner Dozentin bis heute dankbar dafür. Nimm einen beliebigen Text und lies ihn dem Kind Wort für Wort vor. Daumen hoch heißt groß, Daumen runter heißt klein. Den Kindern macht das mehr Spaß als ein Diktat, und sie treffen in wenigen Minuten sehr viele Entscheidungen.
Nur die Nomen schreiben. Du diktierst einen Text, und das Kind schreibt nur die Nomen auf. Aus dem Satz „Das Wetter war heute besonders schön“ kommt also nur „Wetter“ ins Heft.
Den eigenen Text kontrollieren. Das Kind liest seinen Aufsatz noch einmal und unterstreicht jedes Nomen in seiner Lieblingsfarbe. Achtung: Manche Kinder unterstreichen dann alle Wörter, die groß geschrieben sind. Formuliere die Aufgabe deshalb genau: „Lies den Text noch einmal durch und überlege bei jedem Wort, ob es ein Nomen ist. Wenn ja, unterstreiche es und achte darauf, dass es groß geschrieben ist.“
Die Daumenprobe am eigenen Text. Du liest dem Kind seinen Aufsatz vor, und es zeigt wieder mit dem Daumen an: groß oder klein. Du unterstreichst jedes Wort, bei dem der Daumen oben war. Danach kontrolliert das Kind, ob alle unterstrichenen Wörter groß geschrieben sind.
| Übung | Das macht das Kind | Text |
|---|---|---|
| Die Daumenprobe | hört Wort für Wort zu und zeigt mit dem Daumen: groß oder klein | beliebiger Text, vorgelesen |
| Nur die Nomen schreiben | schreibt aus dem Diktat nur die Nomen auf | diktierter Text |
| Den eigenen Text kontrollieren | liest noch einmal und unterstreicht jedes Nomen | eigener Aufsatz |
| Die Daumenprobe am eigenen Text | zeigt mit dem Daumen und kontrolliert danach die unterstrichenen Wörter | eigener Aufsatz, vorgelesen |
Was ist der zweite Korrekturdurchgang?
Der zweite Korrekturdurchgang ist ein fester Schritt nach dem Schreiben: Das Kind geht seinen Text noch einmal Wort für Wort durch und entscheidet bei jedem Wort, ob es groß oder klein geschrieben wird.
Beim Schreiben arbeiten viele Kinder mit dem Schwingen und zeichnen Silbenbögen ein. Das ist der erste Durchgang durch den eigenen Text.
Ich sage dazu immer: Es gibt noch einen zweiten Korrekturdurchgang. Da wird jedes Wort gefragt: groß oder klein? Daumen hoch, Daumen runter – und dann guckst du, was du geschrieben hast.
Damit hat das Kind einen festen Ablauf. Erst kommen die Silbenbögen, danach kommt die Daumenfrage für jedes Wort.
Dranbleiben: das Thema über einen längeren Zeitraum im Fokus halten
Jetzt kommt der Punkt, an dem es oft scheitert. Die Großschreibung wird drei, vier Wochen lang trainiert, und dann geht es weiter zum nächsten Thema, in der Hoffnung, dass es sitzt.
Tut es aber nicht. Das Thema muss über einen längeren Zeitraum im Fokus bleiben, mindestens zwei bis drei Monate, damit beim Kind feste Ankerpunkte entstehen.
In dieser Zeit gehört der zweite Korrekturdurchgang zu jedem Text, den das Kind schreibt: in der Förderstunde, bei den Hausaufgaben und in der Schule.
Vor jedem Diktat ruft sich das Kind die Großschreibung noch einmal in Erinnerung. Mach dafür mit ihm einen Anker aus: ein Schleichtier, also ein kleines Gummitier fürs Mäppchen, oder etwas anderes, das es dort immer dabeihat. So denkt es dran.
Hol dafür die Eltern ins Boot. Zeig ihnen die Daumenprobe und den zweiten Durchgang, damit beides zu Hause genauso läuft wie bei dir.
Der Ablauf in drei Schritten:
Schritt 1: Vor dem Diktat
Der Anker im Mäppchen erinnert an die Großschreibung.
Schritt 2: Erster Durchgang
Schwingen und Silbenbögen einzeichnen.
Schritt 3: Zweiter Durchgang
Bei jedem Wort die Daumenfrage: groß oder klein? Dann prüfen, was im Heft steht.
Zum Ausprobieren: der Groß-Klein-Trainer
Im Groß-Klein-Trainer entscheidet das Kind bei jeder Aufgabe, ob das Wort im Satz groß oder klein geschrieben wird. Zehn Aufgaben dauern wenige Minuten und passen gut an den Anfang oder ans Ende einer Förderstunde.
Fragen und Antworten
Was tun, wenn das Kind den Satzanfang klein schreibt?
Das ist dasselbe Problem wie bei den Nomen. Das Kind nennt dir die Regel, dass am Satzanfang großgeschrieben wird, und schreibt trotzdem klein weiter, weil es beim Schreiben nicht daran denkt. Die Frage „Satzanfang oder nicht Satzanfang?“ gehört deshalb in denselben zweiten Korrekturdurchgang.
Muss das Kind für das Training viel schreiben?
Nein. Bei der Daumenprobe schreibt es gar nicht, bei der zweiten Übung nur die Nomen. Trainiert wird die Entscheidung, nicht die Schreibmenge.
Wie lange dauert es, bis die Großschreibung sitzt?
Drei, vier Wochen Training reichen meist nicht. Rechne mit mindestens zwei bis drei Monaten. Wichtig ist, dass der zweite Korrekturdurchgang in dieser Zeit zu jedem Text gehört.
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Fazit
Ein Kind, das die Regel kennt und trotzdem klein schreibt, kommt mit der Entscheidung bei jedem Wort weiter. Es braucht sie so oft, bis sie zur Gewohnheit geworden ist. Mit den vier Übungen und dem zweiten Korrekturdurchgang hast du dafür alles in der Hand.
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Petra Rodenberg
Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin (M.A.), Lifecoach und Heilpraktikerin. Seit über 15 Jahren begleite ich Kinder mit Lern- und Rechenschwierigkeiten und bilde Lerncoaches sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen aus. Ich bin überzeugt: Ein gut informierter Erwachsener kann das Leben eines betroffenen Kindes grundlegend verändern. Deshalb blogge ich seit fast zehn Jahren und halte Vorträge, um mein Wissen weiterzugeben und Mut zu machen.
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3 Kommentare
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Mein Sohn ist in der 2. Primarstufe. Er weiss was Nomen sind, kann es aber nicht immer umsetzen.
War für mich sehr interessant diesen Artikel zu lesen.
Die Erklärung warum Kinder meistens alle Wörter klein schreiben, fand ich einleuchtend. Die Übungen werde ich mit meinem Enkel morgen ausprobieren. Die Daumenübung wird ihm am besten gefallen. Danke für die Tipps.
Der Artikel ist interessant und ich werde die Tipps ausprobieren. Was aber nicht berücksichtigt wird ist, wenn der Satzanfang klein geschrieben wird. Wo könnte da das Problem liegen und wie könnte man üben, damit das nicht mehr passiert?