Lernschwierigkeiten – Lerncoachingelemente, die helfen

Lernschwierigkeiten – Coaching-Elemente, die helfen 

Dieser Artikel erschien ursprünglich am 16. Februar 2021 und liegt jetzt in überarbeiteter Fassung vor.

Lernschwierigkeiten sind ein Symptom, unter dem viele Kinder leiden. Und es werden nicht weniger. Dabei geht es längst nicht nur um Legasthenie oder Dyskalkulie – viele Kinder kämpfen mit Lernschwierigkeiten, für die es keine Diagnose und oft auch keine Unterstützung gibt. Oft hat das Rückwirkungen auf die ganze Familie.

Lerncoaching als Teil eines ganzheitlichen Lerntrainings bei LRS und Dyskalkulie ist eine Intervention, die Abhilfe schafft – und zwar auch für all die Kinder, die durchs Raster fallen. Vor fünf Jahren habe ich hier geschrieben, dass die Grundsätze des Coachings in den nächsten zehn Jahren das Lernen umkrempeln werden. Halbzeit – und ehrlich? Wir stehen immer noch ziemlich am Anfang. Vielleicht brauchen wir nochmal zehn Jahre. Aber die Richtung stimmt.

Wir müssen endlich einen ganzheitlichen Blick auf die Kinder und ihr Umfeld werfen und die neurowissenschaftlichen Erkenntnisse übers Lernen anwenden.

Wenn das Bildungssystem das nicht so schnell schafft, ist das schade. Trotzdem kann jeder einzelne etwas bewegen, um Lernschwierigkeiten den Schrecken zu nehmen und Kindern Freude am Lernen zu geben.

Lernfreude und Lernmotivation haben einen positiven Einfluss auf das Selbstbild der Kinder. Egal ob du als Coach, Lehrer oder Elternteil mit betroffenen Kindern arbeitest. Es kommt auch auf dich und deine Haltung an. Jeder kann was verändern. Auch du!

Lernen liegt uns im Blut

Jeder kann lernen! Egal ob Schüler, Student, Erwachsener oder Third-Ager. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern eine wissenschaftliche Tatsache. Sogar Einzeller lernen. Wenn sich die Bedingungen zum Überleben ändern, muss das Lebewesen darauf reagieren: Es lernt! Lernen bedeutet, dass Nervenzellen neue Verknüpfungen bilden. Zunächst nur ganz sanft wie ein kleiner Trampelpfad. Wird der häufig genutzt, wird er immer klarer zu erkennen und kann schneller genutzt werden.

Warum fällt Lernen in der Schule dann einigen Kindern so schwer? Ich sehe mehrere Ursachen:

  1. Es gibt keine individuellen Lernziele in der Schule, sondern Lehrpläne, die für alle gleich sind. Sie sind für den Durchschnittsschüler gemacht und Kinder, die anders lernen, fallen aus dem System.
  2. Lernstrategien werden nicht oder nicht nutzbringend genutzt.
  3. Die Kinder haben ein statisches Selbstbild, das sie behindert, und keiner hilft ihnen, das zu ändern.
  4. Wir vergessen das Hier und Jetzt. Achtsamkeit gehört leider für viele immer noch in die Esoterik und nicht in die Schule. Was höchst bedauerlich ist, denn dadurch geht den Kindern viel Potenzial verloren.
  5. Persönliche Probleme, Mobbing, Versagensängste u.v.m. blockieren die Kinder.

Individuelle Lernziele

Zur Motivation gehört ein Ziel. In der Schule sind das meist Lernziele. Solange dieses Ziel nur durch den Lehrplan bestimmt wird, kannst du dem einzelnen Kind nicht gerecht werden. Lehrpläne berücksichtigen viele Faktoren nicht. Unter anderem: Legasthenie, Dyskalkulie, Krankheitsphasen, persönliche Interessen. Für viele Kinder passen die Ziele des Lehrplans – aber nicht für alle.

Ich errechne ja auch nicht die durchschnittliche Schuhgröße aller 12-Jährigen und verpasse dann allen Schuhe in der Größe 38.

Genauso müssen wir die Lernziele individuell anpassen. Du betreust ein Kind mit Lernproblemen? Dann klär im ersten Schritt das individuelle Lernziel ab. Dazu musst du wissen, wo das Kind steht und welchen Lernschritt es als nächstes gehen kann. Denn nur wenn klar ist, dass ein Kind sein Lernziel erreichen und Erfolge erleben kann, wird Lernmotivation entstehen. Digitale Lernformate – die sich übrigens seit dem Distanzunterricht enorm weiterentwickelt haben – können hier eine Chance sein. Eine Binnendifferenzierung durch unterschiedliche Aufgaben ist damit oft leichter umzusetzen.

Fragen und Antworten

Was ist Lerncoaching und für wen ist es geeignet? Lerncoaching unterstützt Kinder, Jugendliche und Erwachsene dabei, wirksame Lernstrategien zu entwickeln und Blockaden zu überwinden. Anders als bei der klassischen Nachhilfe geht es nicht darum, Stoff zu pauken, sondern darum, wie jemand lernt – mit Blick auf Selbstbild, Motivation und individuelle Stärken.

Welche Methoden nutzen moderne Lerncoaches? Gute Lerncoaches arbeiten mit einem ganzheitlichen Ansatz: individuelle Lernziele setzen, passende Lernstrategien finden, das Selbstbild stärken und Achtsamkeit fördern. Entscheidend ist, dass nicht am Symptom kuriert wird, sondern das Kind als Ganzes in den Blick kommt – mit seinen Stärken, Blockaden und seiner Lernumgebung.

Hilft Lerncoaching bei Konzentrationsschwierigkeiten? Ja. Konzentrationsprobleme sind einer der häufigsten Gründe, warum Kinder zum Lerncoaching kommen. Durch gezielte Achtsamkeitsübungen und eine Anpassung der Lerneinheiten an die individuelle Aufmerksamkeitsspanne lassen sich oft schnell Verbesserungen erzielen.

Was ist der Unterschied zwischen Lerncoaching und Nachhilfe? Nachhilfe wiederholt Schulstoff. Lerncoaching setzt tiefer an: Es fragt, warum ein Kind nicht lernen kann oder will. Dabei spielen Lernstrategien, Selbstbild und emotionale Blockaden eine zentrale Rolle – nicht das einzelne Arbeitsblatt.

Worauf sollte ich bei einer guten Lerncoach-Ausbildung achten? Eine gute Ausbildung vermittelt nicht nur Lernstrategien und Lernstandsanalyse, sondern legt genauso viel Wert auf Kommunikation und Beziehungsaufbau. Denn ohne eine tragfähige Beziehung zum Kind greifen die besten Methoden nicht.

Kann ich Lerncoaching-Methoden auch in der Nachhilfe oder Therapie einsetzen? Absolut. Lerncoaching-Elemente wie die Arbeit am Selbstbild, an Lernstrategien oder an der Motivation lassen sich wunderbar in die Nachhilfe, Lerntherapie oder Ergotherapie integrieren. Wer Kinder mit Lernschwierigkeiten begleitet, profitiert enorm davon, den Blick über das reine Üben hinaus zu weiten.

Wird Lerncoaching vom Jugendamt oder der Krankenkasse finanziert? Lerncoaching ist weder eine Kassenleistung noch wird es vom Jugendamt übernommen. Über §35a SGB VIII finanziert das Jugendamt ausschließlich die reine Therapie bei diagnostizierter Legasthenie oder Dyskalkulie – nicht das Coaching. Für alle anderen Lernschwierigkeiten, die keine offizielle Diagnose haben, gibt es ohnehin kaum Unterstützung. Umso wichtiger ist es, dass Fachkräfte ganzheitlich arbeiten und Coaching-Elemente in ihre Förderung integrieren.

Lernstrategien gegen Lernschwierigkeiten

Ein weiteres Puzzlesteinchen, um Lernschwierigkeiten dauerhaft in den Griff zu kriegen, sind die Lernstrategien. Jedes Kind lernt anders!

„Eine für alle!“ ist eine ganz schlechte Idee. Lernstrategien kann man lernen. Allerdings nicht in einer einwöchigen Einführungswoche zu Beginn der weiterführenden Schule. Die Kids müssen ausprobieren und schauen, was zu ihnen passt. Wir müssen ihnen zeigen, wie Lernen im Gehirn funktioniert. Denn wenn ein Kind verstanden hat, wie es am besten lernt, fällt es ihm leichter, neue Dinge auszuprobieren. Auch wenn sie anfangs etwas umständlicher scheinen.

Kann das Kind besser visuell über Bilder lernen? Dann sind unter anderem MindMaps oder andere Zeichnungen sehr hilfreich. Für visuelle Lerner kann es auch hilfreich sein, auf YouTube nach Lernfilmen zu suchen, die es in großer Fülle gibt.

Beim auditiven Lernen ist Lesen oder Hören gefragt. Wenn dem Kind Lesen keine Freude macht oder das Lesen schwerfällt, sind Podcasts eine tolle Alternative.

Es gibt aber auch Menschen, die am besten lernen, wenn sie anderen etwas erklären.

In der Einzelförderung macht es also Sinn, ein wenig zu probieren und dem Kind schwierige Dinge über den bevorzugten Kanal anzubieten. Trotzdem ist es zusätzlich hilfreich, die anderen Kanäle zu stärken.

In der Gruppe oder Klasse sollten wir uns bemühen, die unterschiedlichen Kanäle zu nutzen. Gerade hier haben sich seit dem Distanzunterricht viele Möglichkeiten entwickelt, die auch im Förder- und Coaching-Bereich angekommen sind:

  1. Statt eines Arbeitsblatts können wir für die Schüler einen Podcast als Audiodatei erstellen.
  2. Auch das Format Video hat sich bewährt. Warum nicht ein kurzes knackiges Lernvideo erstellen?
  3. Statt eines Aufsatzes können Schüler eine MindMap erstellen. Das kommt auch Schülern mit LRS mal entgegen.
  4. Auch könnten Schüler Aufgaben in Form von Audiodateien lösen.

Also einfach mal neue Wege gehen. Das ist immer schwer, am Anfang oft mit mehr Arbeit verbunden, am Ende aber lohnenswert.

Ich habe einen Schüler, der mag ungern schreiben. Wenn ich ihm aber den täglichen Übungssatz als Audiodatei schicke, findet er das cool.

Selbstbild

Der vergessene Faktor! Das Selbstbild – oder auf Neudeutsch: das Mindset. Viele Erwachsene arbeiten an ihrem Mindset und versuchen mühsam, ihre negativen Glaubenssätze aus Schule und Kindheit loszuwerden. Den Kindern können wir helfen, diese erst gar nicht zu entwickeln.

Ein Beispiel: Ein Kind, das glaubt: „Ich kann kein Mathe!“ lässt sich schwer zum Rechnen motivieren. Hier ist es hilfreich, die Hürde kleiner zu hängen und mit Aufgaben, die das Kind lösen kann, zunächst mal Zuversicht zu schaffen.

Wenn Kinder glauben, gute Noten sind Glück und schlechte Noten sind Pech, dann lohnt sich die Anstrengung kaum. Dazu gehört aber auch ein Stück Reflexionsarbeit. Kinder schaffen das noch nicht alleine. Wir müssen sie dazu anhalten. Ein Lerntagebuch ist ein geniales Tool dafür. Das Tagebuch bekommt eine besonders schöne Seite für Lernerfolge. Dann werden auch die Vorbereitungen für eine Klassenarbeit notiert. Nach der Arbeit wird geschaut: Was hat geholfen, was war nicht so gut? Langsam aber sicher entsteht so ein Instrument, mit dem das Kind seinen eigenen Einfluss auf Erfolg und Misserfolg erkennen kann.

Achtsamkeit bei Lernschwierigkeiten

Schwierigkeiten mit der Konzentration? Oder Inhalte, die in der Prüfung nicht mehr abgerufen werden können? Das kennen viele Kinder. Wenn es uns gelingt, die Achtsamkeit zu fördern und unsere Übungen so aufzubauen, dass die Kinder ihre Aufmerksamkeitsspanne voll ausnutzen oder gar steigern, dann spiegelt sich das unmittelbar im Lernerfolg wider! Mindful Learning ist im angelsächsischen Raum längst ein eigenes Forschungsgebiet. Nutzen wir die Erkenntnisse.

Regelmäßige Achtsamkeitsübungen stärken das Arbeitsgedächtnis und erleichtern den Abruf von Lerninhalten. Wir sollten daher jede Lerneinheit mit einer kleinen Atemübung starten.

Lerncoaching – und wenn es mehr braucht

Lerncoaching ist eine wunderbare Methode, um Kinder mit Lernschwierigkeiten zu begleiten – denn genau darum geht es ja in diesem Artikel. Die Arbeit an Lernstrategien, Selbstbild und Motivation hilft Kindern mit ganz unterschiedlichen Lernschwierigkeiten. Egal ob in der 1. Klasse, in der Pubertät oder in Studium und Ausbildung. Wenn du das systematisch lernen möchtest, ist unsere Lerncoach-Ausbildung ein guter Einstieg.

Wenn du neben dem Lerncoaching auch Kinder mit Legasthenie oder Dyskalkulie begleiten möchtest, gibt es unsere Ausbildungen auch in Kombinationen, bei denen du einige hundert Euro sparst:

Lerncoach + Legasthenietrainer Mehr erfahren
Lerncoach + Dyskalkulietrainer Mehr erfahren
Ganzheitlicher Lerntrainer Mehr erfahren

Ein Kommentar

  1. Ich kann das sehr unterstreichen, dass das Selbstbild einen grossen Unterschied macht.

    Es ist sehr faszinierend wie viele unterschiedliche Lerntypen es gibt. Bei manchen Kindern ist Ruhe und Stille sehr wichtig. Bei anderen Kindern ist es wichtig sich zu bewegen und aktiv zu sein beim lernen.
    Bei Human Design Analysen sieht man sehr schnell wie das Kind gestrickt ist und was die optimale Lernumgebung ist.

    Wir können unseren Kindern so viel Unterstützung geben wenn wir sie artgerecht fördern und nicht nach einem 0815 Schema.

    Vielen Dank für diesen wichtigen Blogbeitrag.

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