Warum der LRS Nachteilsausgleich so wichtig ist!


Legastheniker haben Anspruch auf einen LRS Nachteilsausgleich. Diesen regeln alle Bundesländer ganz unterschiedlich. Und häufig gestalten ihn die einzelnen Schulbezirke auch noch anders aus. Besonders der Notenschutz für Legastheniker wird sehr unterschiedlich gehandhabt.
Dabei ist der LRS Nachteilsausgleich – und insbesondere der Notenschutz – die beste Möglichkeit, einem betroffenen Kind wirksam zu helfen, an seinen Problemen zu arbeiten. Folgendes Argument gegen den Notenschutz höre ich immer wieder: „Wenn die Leistung nicht benotet wird, dann hat das Kind keinen Grund sich anzustrengen.“

 

Noten schaden Kindern mit Legasthenie!

Das Gegenteil ist der Fall. Wenn ein Kind trotz Anstrengung immer wieder schlechte Noten bekommt, geht die Motivation in vielen Fällen verloren. Dazu brauchen wir kein Fachbuch zu wälzen, wir kennen es alle aus eigener Erfahrung.
Wir wollen ein Instrument lernen, aber trotz regelmäßiger Übung sind unsere Künste auf der Geige mäßig. Jede Woche schwitzen wir vor der Geigenstunde, weil der Lehrer uns wieder kritisieren wird. Ganz schnell verlieren wir Lust und Motivation! Und im Ergebnis hängen wir das Spielen ganz an den Nagel.

 

Lernen im geschützten Raum

Ein Legastheniker braucht keine Bewertung seiner Leistung im Wettbewerb mit Kindern, die keine Probleme im Schriftspracherwerb haben. Im Gegenteil!
Die Kinder brauchen die Gewissheit, dass ihre Arbeit gewürdigt wird und ihre Fortschritte gesehen werden. Ein Beispiel: 40 Fehler im Diktat sind in der Regel eine 6. Wenn ein Kind mit Problemen im Schriftspracherwerb dann irgendwann nur noch 20 Fehler macht, hat es eine enorme Leistung vollbracht. Die Vorgabe besagt jedoch: 20 Fehler – Note 6. Und das Ergebnis: Viel geleistet – null Anerkennung.

 

Keine Note – was nun?

Ich bin ein Verfechter einer Schule ohne Noten. In meiner langjährigen Praxis als Therapeutin für Kinder mit Legasthenie, Matheschwäche und ADHS habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sehr wohl mit Kindern arbeiten kann ohne sie zu bewerten.
Wir werden aber auf absehbare Zeit in der Regelschule kein Lernen ohne Noten haben. Und nicht alle Eltern wollen oder können auf private Montessori-, Waldorf- oder andere Freie Schulen zurückgreifen. Daher müssen wir über andere Mittel nachdenken, den betroffenen Kindern zu helfen.

 

Andere Bewertungsansätze – nicht nur für Legastheniker

Hier tue ich mich ein wenig schwer. Um es mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry zu sagen: „Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen. Sondern lehre den Männern die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“
Ich bin der festen Überzeugung, dass Lernfreude und Neugier besser motivieren als Bewertung und Einteilung. Nicht nur für betroffene Kinder könnte folgendes Modell daher ein Ansatz sein:

 

Beachtung der Fortschritte

Ein Kind hat gerade gelernt, die doppelten Mitlaute, zum Beispiel in Sonne oder Wasser, zu verschriften. Warum dann nicht eine Arbeit in der Schule aus dieser Perspektive bewerten? Der Schüler hat alle doppelten Mitlaute verschriftet. Super gemacht! Sehr gut! Es gibt viele Ansätze, Leistung in das rechte Licht zu rücken.
Dafür ist es erforderlich, Kinder individuell zu betrachten. Wir tun das doch zu Hause auch. Eltern mehrerer Kinder wissen, jedes Kind ist anders. Warum sollte das in der Schule anders sein? Noten müssen objektiv, gerecht und reproduzierbar sein. Das ist ein Irrglaube.

 

Eine Karikatur, die mich begleitet

Ein Goldfisch im Glas, ein Affe, eine Robbe, zwei Vögel und ein Hund stehen vor ihrem Lehrer. Damit es gerecht zugeht, bekommen alle die gleiche Aufgabe: Klettert auf den Baum. Diese Karikatur von Hans Traxler aus dem Jahre 1975 begleitet mich seit vielen Jahren.
Sie zeigt wie absurd es ist, dass eine faire Beurteilung nur bei gleicher Aufgabenstellung möglich ist. Ich möchte hier alle ermutigen, Noten auch individuell zu vergeben. Dabei sollte allein die individuelle Leistung eines Kindes zählen und nicht eine Schablone, in die alle passen müssen.

 

LRS Nachteilsausgleich – kurzes Fazit:

Notenbefreiung für ein Kind mit Legasthenie ist ein absolutes Muss. Gibt es Probleme beim Lesen, kann  der LRS Nachteilsausgleich die Situation entspannen. Eltern sollten alle Hebel in Bewegung setzen, diese Möglichkeit für Ihr Kind durchzusetzen. Je weniger Verletzungen durch schlechte Noten ein Kind erlebt, umso eher bleibt seine Motivation zu lernen erhalten. Weitere Informationen zum Thema findest Du in diesem Artikel. Wenn Du noch mehr Infos zu LRS haben möchtest, dann sieh Dir unseren kostenfreien Videokurs an und melde dich für unsere wöchtenlichen Lerntipps an.

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Legasthenie Förderung ist wichtig

4 Antworten

  1. Saubere Trennung der Begriffe
    In der Überschrift ist von Nachteilsausgleich die Rede, im Text hingegen von Notenschutz. Der Notenschutz ist das Ziel, solange es nichts Besseres gibt. Doch die Schulbehörden sehen den Nachteilsausgleich als hinreichend an. Darunter wird in Niedersachsen Zeitverlängerung, Nutzen eines Dudens und eventuell ein Laptop mit Rechtschreibprogramm gesehen. Doch was soll eine Zeitverlängerung? Wenn der Legastheniker in vier Stunden Klausur die Rechtschreibfehler nicht gesehen hat, wird er sie auch bei einer halben Stunde mehr Zeit nicht sehen. Allenfalls bei Kindern mit Leseschwäche könnte mehr Zeit geringfügig etwas bringen. Der Duden hilft nur dem, der weiß, dass er ein Wort falsch geschrieben haben könnte. Das eigentliche Mittel, damit die guten Schüler mit Legasthenie ihre PS auf die Straße bringen, ist der Notenschutz. Doch dieser ist in Niedersachsen nicht möglich. Reihenweise verlieren Eltern und Schüler vor den niedersächsischen Verwaltungsgerichten, da der Notenschutz angeblich eine Bevorzugung der behinderten Schüler bringe und damit eine Benachteiligung der „normalen“ Schüler. Hier wird dem Schutz der normalen Schüler der Vorrang vor dem Behindertenrecht gegeben.

    1. Hallo Gustav,
      sorry für die Begriffsverwirrung. Aber mein Ziel ist der Notenschutz. Oder noch besser eine notenfreie Schule. Mindestens Lesen, Schreiben und Rechnen sollten nicht benotet werden. Ich erlebe immer wieder, wie sich für Kinder die Situation verbessert, sobald die Bewertung weg ist.
      Zum Behinderung möchte ich anmerken, dass die betroffenen Kinder höchsten behindert werden, weil sie einer bestimmten Norm nicht entsprechen. Dabei gibt es heute so gute Hilfsmittel für betroffene Kinder. Darüber gibt es im April einen Artikel.
      Auch hier im Süden wird der Notenschutz immer weiter eingeschränkt.

      1. Moin Frau Rodenberg,
        der Notenschutz ist für Legastheniker die ultima ratio. Da sind wir wohl einig. Doch die zusätzlichen positiven Effekte des Notenschutzes werden von der Schulverwaltung nicht gesehen oder absichtlich geleugnet. So lange die Verwaltung nicht umdenkt, werden auch die Lehrer – außer sie folgen eigenem Interesse – nicht in dieser Thematik geschult.
        In Niedersachsen haben wir hier eine besonders traurige Position. Es gab einen LRS-Erlass, der bis Klasse zehn die Möglichkeit eines Notenschutzes öffnete. Dieser Erlass – der erhebliche methodische Mängel hat – ist 2013 ausgelaufen und bis jetzt wollte man seitens der Kultusbürokratie keinen neuen machen. Die Gespräche mit der Politik verliefen bisher erfolglos. Der größte Mangel ist der, dass die Schüler mit Beginn der Klasse 11 die Rechtschreibung beherrschen müssen, da von einem Tag zum anderen den Lehrkräften die Möglichkeiten genommen werden. Das Landesschulamt achtet darauf, dass zum Schutz der übrigen Schüler nicht von den Bewertungsregeln abgewichen wird.
        Die Verwaltungsgerichte stützen die Handlungen der Bürokratie, indem die wissenschaftlichen Erkenntnisse hinter die befürchtete Benachteiligung nicht behinderter Schüler zurückgestellt werden.
        Mir ist klar, dass auch Ihnen der Begriff „behindert“ nicht gefällt. Die Legastheniker sind meist überdurchschnittlich begabte Kinder mit vielfältigen besonderen Begabungen, die lediglich durch die Überbewertung der Rechtschreibung und Minderbeachtung des intellektuellen Inhaltes benachteiligt sind. Doch die Einstufung der Legasthenie durch die WHO als Behinderung ist unsere einzige Chance im juristischen Bereich gegen die Betonwände zu kämpfen, so lange die Politik nicht zu einer Änderung gewillt ist.
        Grüße aus Oldenburg

  2. Moin Herr Wehner,
    ich bin da voll bei Ihnen. Allerdings mag ich auf Grundfähigkeiten, die der gesellschaftlichen Teilhabe dienen gar keine Noten haben. Ich weiß wir sind meilenweit davon entfernt. Aber wenn wir nicht immer weiter rütteln, wird sich nie etwas ändern.
    Ich habe als Kind sehr unter meiner Rechtschreibnote gelitten. Meinen Sohn musste ich, aus diesem Grund in der 3. Klasse die Schule wechseln lassen. Wie viele Kinder ich in den letzen Jahren begleitet habe und wie viele Gespräche mit Lehrern, Schulamt und Schulpsychologen ich geführt habe, kann ich nicht mehr zählen.
    In Bayern ist der Erlass zu Ungunsten der Kinder 2016 verändert worden. Ich Baden-Württemberg können Lehrer und Klassenkonferenz entscheiden, tun sich aber schwer damit. Ich kann Ihren Frust verstehen.
    Und ja ich mag das Wort Behinderung an der Stelle in der Tat nicht. Schreiben ist eine Kulturtechnik, wie Malen und Musizieren. Wir geben ihr nur einen anderen Stellenwert.
    Das allerschlimmste ist, durch die Technik, die uns heute zur Verfügung steht, ist diese Stellenwert nicht mehr zu rechtfertigen.
    Kinder werden ausgebremst und erleiden emotional Schaden.
    Die Begrifflichkeit ist in der Tat nicht wichtig. Sollte die Begrifflichkeit der Behinderung helfen, dann kann ich auch damit leben.
    Trotzdem werde ich mich weiterhin für ein bewertungsfreies Lernen einsetzen und finde da den Beitrag von Sabine Czerny sehr gut. https://www.salto.bz/de/article/03092017/schule-braucht-mehr-raum-zum-atmen
    Ein schönes Wochenende

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