Vokabeln richtig lernen – leicht gemacht!

Vokabeln lernen leicht gemacht.

Aktualisiert am 30. August 2026

Kurz gesagt

Vokabeln bleiben im Kopf, wenn sie in kleinen Portionen gelernt und danach über Wochen regelmäßig abgefragt werden. Das Lernen am Abend vor dem Test bringt langfristig wenig, weil viele Wörter kurze Zeit später wieder weg sind. Kinder mit LRS bringen ihre Schwierigkeiten aus dem Deutschen in die Fremdsprache mit, deshalb lohnt sich der Start gleich zu Beginn der fünften Klasse. Sieben Minuten an fünf Tagen in der Woche reichen dafür aus. Als Fachkraft kannst du diese Routine den Eltern erklären, mitgeben und über ein Lerntagebuch im Blick behalten.

Inhaltsverzeichnis
  1. Warum Vokabellernen bei LRS oft so schwer ist
  2. Was beim Vokabellernen im Kopf passiert
  3. 2.500 Vokabeln oder elf pro Woche?
  4. Vokabeln richtig lernen mit der 4+1-Routine
  5. So funktioniert die 4+1-Routine genau
  6. Der Vokabelschatzkasten
  7. Häufige Fragen
  8. Fazit

Ein Kind arbeitet seit Monaten an seiner Rechtschreibung und kommt voran. Dann kommt der Übertritt in die fünfte Klasse, Englisch startet, und nach ein paar Wochen steht der erste Vokabeltest mit dreißig Wörtern an. Das Kind hat gelernt, so gut es ging, und das Ergebnis passt trotzdem nicht zu der Mühe.

In der nächsten Förderstunde erzählen dir die Eltern davon. Und dann kommt die Frage, die an dieser Stelle fast immer kommt: Wie soll unser Kind denn Vokabeln lernen?

Genau dafür ist dieser Artikel gedacht. Ich empfehle seit vielen Jahren eine Vokabelroutine, die sieben Minuten am Tag braucht und die du Eltern in einem Gespräch erklären kannst. Vorher schauen wir uns kurz an, warum das Vokabellernen bei Kindern mit LRS so oft schiefgeht. Denn das gehört zu der Antwort dazu.

Warum Vokabellernen bei LRS oft so schwer ist

Richard Sparks hat über zwanzig Jahre lang Schülerinnen und Schüler beim Fremdsprachenlernen begleitet. Sein Ergebnis lässt sich in einem Satz sagen: Wer im Deutschen mit dem Lesen und Schreiben kämpft, kämpft auch in der Fremdsprache. Wie gut ein Kind in der Grundschule Wörter erlesen und schreiben konnte, sagt ziemlich gut voraus, wie es später im Englischen oder Französischen läuft (Sparks, 2022).

Wir haben es also mit derselben Baustelle in einer anderen Sprache zu tun. Das Kind muss sich ein Lautbild merken, das es noch nie gehört hat, und dazu eine Schreibweise abrufen. Im Englischen kommt erschwerend dazu, dass sich diese Schreibweise aus dem Lautbild kaum ableiten lässt. Through, though und thought sehen fast gleich aus und klingen völlig verschieden.

Die Schwierigkeiten von Anfang an

Meist zeigt sich das Problem schon bei den ersten Vokabeln. Ein Kind geht dieselben Wörter immer wieder durch, deckt die deutsche oder englische Seite ab und weiß kurz darauf trotzdem nicht mehr, was dort stand. Manche Wörter wollen einfach nicht hängen bleiben. Andere kann das Kind mündlich abrufen, schreibt sie aber immer wieder falsch.

Die Eltern merken also von Anfang an, dass das Vokabellernen deutlich mehr Mühe kostet.

Und genau deshalb lohnt es sich, gleich zu Beginn der fünften Klasse anzufangen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Vokabeln sind die Grundlage für alles, was in der Fremdsprache danach kommt. Ohne Wörter kann ich eine Sprache weder sprechen noch lesen. Einen grammatikalisch falschen Satz versteht mein Gegenüber immer noch. Aber wenn mir die Wörter fehlen, ist Schluss.

Was beim Vokabellernen im Kopf passiert

Zwei Dinge entscheiden darüber, ob eine Vokabel bleibt, und beide haben mit der Art des Übens zu tun.

Das erste ist das Abrufen. Henry Roediger und Jeffrey Karpicke, zwei Gedächtnisforscher aus St. Louis, haben Studierenden vierzig fremdsprachige Wortpaare zum Lernen gegeben. Eine Gruppe musste alle Wörter immer wieder aus dem Kopf abrufen. Bei der anderen Gruppe flog ein Wort aus der Abfrage, sobald es einmal saß, gelesen wurde es weiterhin. Eine Woche später wusste die erste Gruppe rund 80 Prozent der Wörter, die zweite Gruppe kam auf gut ein Drittel (Karpicke & Roediger, 2008).

Das Durchlesen der Vokabelliste können wir uns also sparen. Und eine Vokabel, die einmal gesessen hat, ist deshalb noch lange nicht sicher.

Das zweite ist die Portionsgröße zusammen mit der Wiederholung. Wer wenige Wörter auf einmal lernt und sie danach über Wochen immer wieder abgefragt bekommt, behält deutlich mehr als jemand, der dreißig Wörter an einem Abend durchgeht. Für das Lernen allgemein ist das gut belegt, für Fremdsprachen ebenso (Latimier u. a., 2021; Kim & Webb, 2022).

Damit ist auch erklärt, warum der Abend vor dem Test langfristig so wenig bringt. Kurzfristig kann das Kind die Wörter vielleicht noch abrufen. Werden sie danach aber nicht mehr abgefragt, verschwinden viele davon wieder. In der Schule läuft es leider oft genau so: Vokabeln werden schwallweise für die nächste Arbeit gelernt und danach als erledigt abgehakt.

2.500 Vokabeln oder elf pro Woche?

Bis zum Ende der zehnten Klasse soll ein Kind in der ersten Fremdsprache auf dem Niveau B1 landen, so steht es in den Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz. Als Faustregel rechnet man dafür mit ungefähr 2.500 Wörtern. Gemeint ist damit der aktive Wortschatz, also die Wörter, die das Kind beherrschen und selbst benutzen können soll.

2.500 Vokabeln klingen nach einem Berg, oder?

Für diesen Berg haben Kinder sechs Jahre Zeit. Das sind rund 417 Vokabeln pro Schuljahr. Bei 40 Schulwochen bleiben elf Vokabeln pro Woche.

Elf Vokabeln in der Woche. Das hört sich schon ganz anders an.

Vokabellernen in Zahlen
KennzahlWertQuelle
Zielniveau erste Fremdsprache, Mittlerer SchulabschlussB1KMK-Bildungsstandards 2023
Aktiver Wortschatz für B1rund 2.500 Wörtergängige Faustregel der Fremdsprachendidaktik
Nötiges Pensumrund 11 Vokabeln pro WocheRechnung: 2.500 Wörter, 6 Jahre, 40 Schulwochen
Behaltensleistung nach einer Woche mit wiederholtem Abrufenrund 80 ProzentKarpicke & Roediger, 2008
Behaltensleistung ohne wiederholtes Abrufengut ein DrittelKarpicke & Roediger, 2008
Zeitaufwand der Vokabelroutine7 Minuten an 5 TagenLern-Ort-Akademie, Förderpraxis

Quellen: KMK-Bildungsstandards erste Fremdsprache (2023); Karpicke & Roediger (2008); eigene Berechnung.

Selbst wenn wir also bewusst in kleinen Portionen lernen und zwischendurch ganze Wochen nur fürs Wiederholen nutzen, kommen wir auf die nötige Menge. Genau diese Zahl nehme ich mit ins Elterngespräch. Sie nimmt den Druck raus und macht gleichzeitig klar, worauf es ankommt:

Die Regelmäßigkeit schlägt die Menge.

Vokabeln richtig lernen mit der 4+1-Routine

Die Routine lässt sich mit einer einzigen Zahl merken: 4+1.

Im Kleinen bedeutet das:

  • 4 Tage lang neue Vokabeln lernen
  • 1 Tag lang nur wiederholen

Im Großen funktioniert es genauso:

  • 4 Wochen lang neue Vokabeln lernen
  • 1 Woche lang nur wiederholen

Das Kind lernt also nie wochenlang einfach immer neue Wörter dazu. Nach vier Lerntagen kommt die erste Wiederholung. Und nach vier Lernwochen bekommt das Gehirn eine ganze Woche Zeit, um das Gelernte noch einmal abzurufen und zu festigen.

Dafür reichen an den Lerntagen drei neue Vokabeln und insgesamt etwa sieben Minuten.

4+1LernenWiederholen
In einer Woche4 Tage × 3 neue Vokabeln1 Tag die Vokabeln der Woche
In fünf Wochen4 Wochen neue Vokabeln1 Woche nur Wiederholung

Die einfache Regel für Eltern lautet also: 4 Tage lernen, 1 Tag wiederholen. 4 Wochen lernen, 1 Woche wiederholen.

So funktioniert die 4+1-Routine genau

Material: Zwei Karteikästen im Format DIN A7. Einen kleineren für etwa 50 Vokabeln und einen großen für den gelernten Wortschatz. Dazu die passenden Karteikarten. Kariert oder liniert spielt keine Rolle.

Zeitaufwand: Etwa sieben Minuten an fünf Tagen in der Woche, meist von Montag bis Freitag. Ausnahmen wegen Klassenarbeiten in anderen Fächern werden nicht gemacht.

Das tägliche Vokabellernen muss so selbstverständlich werden wie das Zähneputzen. Das lässt du ja auch nicht ausfallen, wenn es auf der Arbeit stressig war.

Erster Durchgang

Woche 1: Das Kind lernt an vier Tagen jeweils drei neue Vokabeln. Es schreibt sie auf die Karteikarten, spricht sie sich vor und schreibt sie noch einmal aus dem Gedächtnis. Am Ende wird mündlich und schriftlich abgefragt. Wörter, die noch nicht sicher sitzen, werden erneut geübt.

Beim Beschriften der Karte sollte die Vokabel von Anfang an richtig geschrieben sein. Ist das für das Kind noch schwierig, kann ein Erwachsener die Karten vorbereiten. Das eigentliche Schreiben aus dem Gedächtnis übernimmt anschließend das Kind.

Am fünften Wochentag kommen keine neuen Vokabeln dazu. Stattdessen werden die zwölf Vokabeln der Woche noch einmal mündlich und schriftlich abgefragt. Wörter, die noch nicht sicher sitzen, werden erneut geübt. Danach wandern die Karten in das zweite Fach.

Woche 2 bis 4: Wie Woche eins.

Woche 5: Diese Woche gibt es keine neuen Vokabeln. Die 48 Vokabeln aus den Wochen eins bis vier werden wiederholt, täglich acht bis zehn davon, mündlich und schriftlich. Was sitzt, wandert in Fach drei. Alles andere geht zurück in Fach eins.

Zweiter Durchgang

Woche 1 bis 4: Wie im ersten Durchgang. Zusätzlich zu den drei neuen Vokabeln bearbeitet das Kind täglich eine der Wiederholungsvokabeln aus dem ersten Durchgang. Gibt es keine, umso besser.

Woche 5: Wie im ersten Durchgang. Zusätzlich werden täglich acht alte Vokabeln aus Fach drei abgefragt. Was das Kind beherrscht, wandert in den zweiten Karteikasten, den Vokabelschatzkasten. Eine Vokabel, die fehlt, geht zurück in Fach eins.

Dieser Zyklus läuft immer wieder durch. Vokabeln, die trotz guter Vorbereitung im Test falsch waren, werden wie neue Vokabeln behandelt und gehen den ganzen Weg noch einmal.

Der Vokabelschatzkasten

Unser Gehirn ist sehr effektiv. Was es nicht braucht, schmeißt es raus.

Deshalb dürfen auch die Vokabeln im Schatzkasten keinen Staub ansetzen. Entweder stehen feste Wiederholungstermine im Kalender, oder ihr nehmt euch jeden Freitag acht bis zehn dieser Vokabeln vor. Fehlt eine, wandert sie zurück in den ersten Kasten.

Vorsicht! Stolperfalle!

Hier passiert der häufigste Fehler beim Arbeiten mit dem Karteikasten: Eine Vokabel wandert nach vorne, weil sie einmal saß, und wird nie wieder abgefragt. Genau das ist die Bedingung, bei der die Studierenden bei Roediger und Karpicke von rund 80 Prozent auf gut ein Drittel abgerutscht sind. Die Woche fünf und der regelmäßige Griff in den Schatzkasten machen den Unterschied.

Fragen und Antworten

Ab wann lohnt sich die Routine?

Am besten gleich zu Beginn der fünften Klasse, wenn die erste Fremdsprache startet. Wer später einsteigt, beginnt trotzdem mit drei Vokabeln am Tag und holt die Lücken über den Schatzkasten auf.

Warum kann das Kind nicht einfach so lernen, wie die Lehrerin es aufgibt?

Weil ein Kind mit LRS die aufgegebene Vokabelmenge in der Zeit, die dafür üblicherweise vorgesehen ist, nicht bewältigen kann. Es braucht kleinere Portionen und mehr Wiederholungen als seine Mitschüler, und beides ist im Rhythmus der Schule so nicht vorgesehen.

Muss das Kind die Testvokabeln zusätzlich lernen?

Das braucht es nicht. Wenn die Routine läuft, hat das Kind die Wörter längst gelernt und wiederholt sie nur noch. Was im Test trotzdem falsch war, geht als neue Vokabel zurück in Fach eins.

Wie lange dauert es, bis die Routine etabliert ist?

Rechne mit etwa zwei Monaten, bis eine solche Routine sitzt. Sag das den Eltern gleich zu Beginn, dann halten sie auch die ersten holprigen Wochen durch.

Fazit

Vokabeln lernen ist eine Fleißaufgabe, und Fleißaufgaben gehen unter, wenn sie keinen festen Platz am Tag haben. Diese Routine gibt ihnen einen festen Platz. Und sie kostet sieben Minuten.

Vokabeln müssen damit nicht zum nächsten großen Konfliktthema zu Hause werden. Drei neue Wörter am Tag, ein fester Zeitpunkt und regelmäßiges Wiederholen reichen als Grundlage.

Wenn du Kinder mit LRS betreust, warte deshalb nicht auf den ersten schlechten Vokabeltest. Sprich frühzeitig mit den Eltern darüber, wie sie das Vokabellernen zu Hause angehen wollen. Empfiehl ihnen gerne die 4+1-Routine und gib ihnen das Anleitungsblatt mit, das sie zu Hause vor sich liegen haben.

4 Tage lernen, 1 Tag wiederholen. 4 Wochen lernen, 1 Woche wiederholen.

Je früher im Schuljahr ihr damit beginnt, desto besser.

Anleitungsblatt zur 4+1-Routine herunterladen

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Petra Rodenberg

Petra Rodenberg

Ich bin Bildungswissenschaftlerin, Lerntherapeutin (M.A.), Lifecoach und Heilpraktikerin. Seit über 15 Jahren begleite ich Kinder mit Lern- und Rechenschwierigkeiten und bilde Lerncoaches sowie Legasthenie- und Dyskalkulietrainer:innen aus. Ich bin überzeugt: Ein gut informierter Erwachsener kann das Leben eines betroffenen Kindes grundlegend verändern. Deshalb blogge ich seit fast zehn Jahren und halte Vorträge, um mein Wissen weiterzugeben und Mut zu machen.

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